Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Podcast

Wissenschaft oder Pseudowissenschaft? – Woran man falsche Versprechen erkennt. TL;DR zu Folge WH03 „Sturm“

Do, 27.11.2025

In der dritten Folge von Ware Hoffnung gerät Ricardo Torres an eine Grenze. Er sitzt seit Tagen über Dossiers, Marktanalysen und technischen Beschreibungen und versucht herauszufinden, welche der angebotenen Technologien echte Innovationen sind – und welche nur gut verpackte Versprechen.

Das Problem: Ricardo ist kein Wissenschaftler. Er hat Erfahrung, Intuition und einen scharfen Blick für Geschäftsmodelle, aber ihm fehlen klare Kriterien, um Wissenschaft von Pseudowissenschaft zu unterscheiden.

Genau darum geht es in dieser Folge und im gesamten Roman.

Wissenschaft funktioniert anders, als viele Menschen denken. Sie ist kein fertiges Gebäude aus Wahrheiten, sondern ein Prozess. Fragen werden gestellt, Hypothesen getestet, Experimente wiederholt – und Fehler gehören ausdrücklich dazu. Erkenntnis entsteht oft erst, nachdem viele Annahmen sich als falsch herausgestellt haben.

Der entscheidende Unterschied liegt im Umgang mit Irrtümern. Wissenschaft macht Fehler sichtbar, um daraus zu lernen. Pseudowissenschaft versucht, Fehler zu verstecken.

Statt offener Kritik und überprüfbarer Ergebnisse setzt sie auf ein anderes Mittel: das Kostüm der Wissenschaft. Fachbegriffe, Diagramme, Formeln und beeindruckende Präsentationen erzeugen den Eindruck von Seriosität, ohne dass eine echte Überprüfung möglich wäre.

Damit solche Täuschungen leichter erkennbar werden, gibt es typische Warnzeichen. Viele davon wurden bereits vor Jahrzehnten von Forschern wie Barry L. Beyerstein und Mario Bunge beschrieben – und sie tauchen bis heute immer wieder auf.

Einige der wichtigsten Merkmale sind:

  • Isolation: Kritik von außen wird abgewehrt, stattdessen spricht man von Verschwörungen des „Mainstreams“.
  • Unwiderlegbarkeit: Jede Beobachtung wird als Bestätigung der eigenen Theorie interpretiert.
  • Datenakrobatik: Einzelne Ausnahmen werden als Beweise präsentiert, widersprechende Daten ignoriert.
  • Stillstand: Behauptungen bleiben über Jahre unverändert, obwohl neue Erkenntnisse entstehen.
  • Wunderbare Versprechen: Lösungen ohne Nebenwirkungen, ohne Aufwand oder ohne physikalische Grenzen.
  • Unbelehrbarkeit: Kritik führt nicht zu neuen Daten, sondern zu neuen Ausreden.
  • Magisches Denken: Ursache und Wirkung werden verwechselt oder mystisch überhöht.
  • Finanzielle Motive: Der Weg zur „Erkenntnis“ führt direkt über ein Geschäftsmodell.

Wie solche Muster in der Praxis aussehen können, zeigt die Folge am Beispiel eines aktuellen Falls: Holcomb Energy Systems. Das Unternehmen behauptet, eine Maschine entwickelt zu haben, die Strom aus dem Nichts erzeugen kann – leise, sauber und ohne Energiequelle.

Auf der Website wirkt zunächst alles beeindruckend: professionelle Grafiken, Interviews, Patentnummern und große Versprechen. Doch bei genauerem Hinsehen fehlt die Substanz. Es gibt keine unabhängigen Tests, keinen überprüfbaren Prototyp und keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Stattdessen wird eine angeblich neue Energiequelle beschworen – der „Spin der Elektronen“. Physikalisch ergibt diese Erklärung keinen Sinn. Würde sie stimmen, müsste ein fundamentales Gesetz der Physik neu geschrieben werden: der Energieerhaltungssatz.

Der entscheidende Punkt ist jedoch nicht die technische Unmöglichkeit. Entscheidend ist das Geschäftsmodell. Die angebliche Technologie wird vor allem als Investitionschance verkauft – mit Lizenzen, Beteiligungen und Vertriebsrechten.

Die Energiequelle solcher Projekte ist deshalb selten eine physikalische Entdeckung.
Es ist die Hoffnung der Investoren.

Für Ricardo bedeutet das: Intuition allein reicht nicht. Wer verstehen will, ob eine Idee tragfähig ist, braucht Werkzeuge des kritischen Denkens – Kriterien, mit denen sich Behauptungen überprüfen lassen.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Wissenschaft ist ein Prozess, der aus Fehlern lernt.
  • Pseudowissenschaft imitiert das Aussehen von Wissenschaft, ohne ihre Methoden zu nutzen.
  • Typische Warnzeichen lassen sich in vielen Fällen wiederfinden.
  • Große Versprechen ohne überprüfbare Ergebnisse sind ein zentrales Alarmzeichen.
  • Hinter spektakulären Behauptungen steckt häufig ein Geschäftsmodell.

Die Folge zeigt damit einen wichtigen Schritt in der Geschichte: Ricardo erkennt, dass er mehr braucht als Erfahrung und Bauchgefühl. Wer echte Innovation von Illusion unterscheiden will, muss lernen, wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert.

Der Händler der Hoffnung – Wie Sergio Masso Illusionen verkauft. TL;DR zu Folge WH02 „Gift“

Do, 20.11.2025

In der zweiten Folge von Ware Hoffnung taucht eine Figur auf, die für den weiteren Verlauf der Geschichte wichtig wird: Sergio Masso. Er steht im Roman nicht nur für eine einzelne Person, sondern für einen ganzen Typus – den Verkäufer von Illusionen.

Masso ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Kaum wieder frei, schmiedet er schon neue Pläne. Zusammen mit seinem Anwalt Ottavio Ramoni fährt er die Küstenstraße entlang, während er von seinem nächsten großen Geschäft erzählt. Dieses Mal soll es nach Kalifornien gehen – dorthin, wo große Versprechen besonders gut verkauft werden können.

Masso hat in seiner Karriere vor allem eines gelernt: Hoffnung lässt sich vermarkten.

Nicht das Produkt ist entscheidend, sondern das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein. Menschen investieren nicht nur in Technik oder Ideen. Sie investieren in die Vorstellung, dass ein Problem endlich gelöst werden könnte. Genau darauf baut Massos Geschäftsmodell auf.

Seine Methode folgt einem einfachen Muster: Ein komplexes Problem wird mit einer angeblich revolutionären Lösung verbunden. Diese Lösung klingt wissenschaftlich, enthält Fachbegriffe und wirkt technisch beeindruckend. Gleichzeitig bleibt sie so vage, dass sie kaum überprüfbar ist.

Dazu kommt eine sorgfältige Inszenierung. Geräte, in die niemand hineinschauen darf. Fotos von großen Gebäuden, die angeblich zum Unternehmen gehören. Titel, Patente oder angebliche Investoren, die Autorität suggerieren. Der entscheidende Punkt dabei: Menschen beurteilen meist das, was sie sehen – nicht das, was sie verstehen.

Wenn etwas nach Wissenschaft aussieht, wird es selten hinterfragt. Gerade weil echte Wissenschaft oft kompliziert und schwer verständlich ist, können technische Begriffe und beeindruckende Präsentationen eine starke Wirkung entfalten.

Im Roman hatte Masso bereits ein Unternehmen gegründet, das angeblich eine Lösung für ein besonders heikles Problem entwickelt hatte: die Entsorgung von Giftmüll. Der Name der Firma klang vielversprechend – Pyrodragon. Hinter dem Projekt stand angeblich ein innovatives Verfahren, das gefährliche Abfälle sicher und umweltfreundlich behandeln sollte.

In Wirklichkeit bestand die Anlage aus rostigen Tanks, verseuchten Gruben und einer Menge Chemikalien. Die versprochene Technologie existierte nur in Präsentationen und Werbeversprechen. Doch für Investoren und Behörden sah die Geschichte überzeugend aus.

Die Folge zeigt damit ein typisches Muster pseudowissenschaftlicher Geschäftsmodelle. Ein reales Problem wird mit einer scheinbar einfachen Lösung verbunden. Die Lösung wird mit wissenschaftlich klingenden Begriffen versehen. Und die Inszenierung sorgt dafür, dass Zweifel möglichst spät entstehen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, warum Menschen auf solche Geschichten hereinfallen. Die bessere Frage ist: Warum wirken solche Geschichten so überzeugend?

Hoffnung spielt dabei eine zentrale Rolle. Hoffnung ist eine starke Emotion. Sie richtet den Blick auf eine mögliche bessere Zukunft und schwächt gleichzeitig die Bereitschaft, unangenehme Fragen zu stellen. Genau deshalb eignet sie sich so gut als Verkaufsargument. Figuren wie Sergio Masso nutzen diese Dynamik gezielt aus. Sie verkaufen keine funktionierende Technologie – sie verkaufen die Vorstellung, dass alles einfacher werden könnte.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Sergio Masso steht als Figur für den Archetyp des pseudowissenschaftlichen Geschäftemachers.
  • Sein eigentliches Produkt ist nicht Technik, sondern Hoffnung.
  • Wissenschaftliche Begriffe und technische Inszenierung erzeugen Glaubwürdigkeit.
  • Menschen bewerten häufig, wie etwas aussieht – nicht, ob es tatsächlich überprüfbar ist.
  • Kritisches Denken beginnt damit, Versprechen sorgfältig zu prüfen.

Massos Geschichte ist damit mehr als nur eine Episode aus dem Roman. Sie zeigt ein Muster, das in vielen Bereichen immer wieder auftaucht – überall dort, wo komplexe Probleme auf die Sehnsucht nach einfachen Lösungen treffen.

Die ganze Folge erzählt diese Geschichte ausführlicher und zeigt, warum kritisches Denken der wichtigste Schutz gegen solche Illusionen ist.

Wenn Hoffnung zur Ware wird – Der Einstieg in die Welt der Technologie-Täuschungen. TL;DR zu Folge WH01 „Nachtschicht“

Do, 13.11.2025

Die erste Folge des Podcasts Ware Hoffnung führt in ein Thema ein, das sich durch den ganzen Podcast zieht: die Grenze zwischen echter Innovation und geschickter Täuschung. Es geht um Technologien, die spektakuläre Versprechen machen – und darum, warum Menschen trotzdem daran glauben, selbst wenn vieles dagegen spricht.

Der Podcast basiert auf der langjährigen Recherche zum Roman Ware Hoffnung. Ausgangspunkt war die Beschäftigung mit sogenannten „Freie-Energie“-Behauptungen. Seit etwa 2006 wurden immer wieder Projekte untersucht, die behaupten, Energieprobleme auf wundersame Weise lösen zu können. Ein frühes Beispiel ist das angebliche Wasserauto des philippinischen Erfinders Daniel Dingel – ein Fahrzeug, das angeblich nur mit Wasser betrieben wird.

Die physikalischen Probleme solcher Behauptungen sind schnell erklärt: Ein Auto kann nicht einfach Wasser als Energiequelle nutzen. Um Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen, braucht man Energie. Diese Energie ist immer größer als das, was man anschließend durch Verbrennen oder in einer Brennstoffzelle zurückgewinnt. Das behauptete Wunderauto widerspricht damit grundlegenden Prinzipien der Thermodynamik.

Spannend ist weniger die technische Unmöglichkeit als die Frage, wie solche Geschichten funktionieren.

Typische Elemente solcher Technologie-Mythen sind:

  • spektakuläre Versprechen („revolutionäre Energiequelle“)
  • ein einzelner genialer Erfinder
  • angebliche Unterdrückung durch Konzerne oder Regierungen
  • beeindruckende Demonstrationen ohne überprüfbare Details
  • mediale Berichterstattung ohne kritische Prüfung

Viele dieser Projekte folgen einer ähnlichen Dramaturgie. Zuerst steht die große Vision: eine Erfindung, die Energieprobleme, Umweltprobleme oder wirtschaftliche Krisen lösen könnte. Danach folgen Videos, Presseberichte oder Vorführungen, die den Eindruck einer funktionierenden Technologie erzeugen. Technische Details bleiben vage oder werden mit angeblichen Geschäftsgeheimnissen erklärt.

Ein wichtiger Punkt ist die Rolle von Investoren und Öffentlichkeit. Visionäre Technologien wirken besonders attraktiv, weil sie gleichzeitig Hoffnung und Gewinn versprechen. In solchen Situationen kann kritisches Denken leicht in den Hintergrund treten.

Genau hier setzt der Podcast an.

In jeder Folge wird ein Ausschnitt aus dem Roman gelesen. Zwischen den Lesungen wird erklärt, welche realen Fälle, Denkfehler und Mechanismen hinter solchen Geschichten stehen. Die fiktionale Handlung dient als Rahmen, um reale Phänomene aus Wissenschaft, Wirtschaft und Betrugsgeschichte verständlich zu machen.

Der Protagonist des Romans ist Ricardo Torres, ein sogenannter Investment-Scout. Seine Aufgabe besteht darin, neue Technologien aufzuspüren, bevor sie auf den Markt kommen. Er arbeitet für eine Investmentfirma, die ständig nach der nächsten großen Innovation sucht.

Damit bewegt sich Ricardo in einer Welt, in der Vision und Täuschung dicht beieinander liegen. Genau diese Grauzone bildet den Kern der Geschichte.

Die zentrale Frage des Podcasts lautet daher:

Woran erkennt man, ob eine spektakuläre Technologie realistisch ist oder nur gut erzählte Hoffnung?

Die kommenden Folgen beschäftigen sich mit genau diesen Mechanismen. Dabei geht es nicht nur um spektakuläre Scams, sondern auch um die Denkfehler, die uns anfällig dafür machen.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Viele Technologie-Scams folgen immer wieder derselben Dramaturgie.
  • Physikalische Unmöglichkeiten sind oft leicht zu erkennen – schwieriger ist die Analyse der Täuschungsstrategie.
  • Medienberichte und Demonstrationen können einen falschen Eindruck von wissenschaftlicher Plausibilität erzeugen.
  • Investoren, Enthusiasten und Publikum spielen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung solcher Geschichten.
  • Kritisches Denken beginnt damit, die grundlegenden Prinzipien von Energie, Technik und Wissenschaft zu verstehen.

Wenn dich interessiert, wie Technologie-Täuschungen entstehen und warum sie immer wieder funktionieren, lohnt sich die komplette Folge. Das TL;DR zeigt nur die wichtigsten Ideen. Die Geschichte dahinter ist deutlich vielschichtiger.

Buchbinden

So, 03.03.2024

Eine kleine Auflage meines Romans „Ware Hoffnung“ habe ich selbst gebunden. Auf Mastodon habe ich den Vorgang dokumentiert.

So entsteht ein Buch:

Die Seiten werden auf DIN A4 doppelseitig ausgedruckt und mittig gefaltet.

Seiten falten

Nun werden die Seiten im Lumbeck-Verfahren verleimt. Dazu habe ich mir zwei Bretter mit Scharnier angefertigt, zwischen die der Papierstapel gespannt wird. So lassen sich die Blätter zur Seite umbiegen, damit etwas Leim zwischen die Seiten gelangen kann.

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Akademische Selbsttäuschung – N-Strahlen

Di, 09.01.2024

Vor einigen Jahren hatte ich mit einem wiederkehrenden Tiefton-Tinnitus zu kämpfen. Es klang, als stünde ein LKW mit laufendem Motor vor dem Fenster. Auf der Suche nach der Ursache habe ich die gesamte Umgebung abgesucht, um die Quelle des Geräuschs zu finden. Um es besser eingrenzen zu können, begann ich, verschiedene Schallmessungen durchzuführen, etwa mit einem Oszilloskop und mit einem Spektrum-Analyzer. Und tatsächlich, bei ca. 80 Hz war ein verdächtiges Signal zu erkennen. Dieses versuchte ich mit meinem Höreindruck abzugleichen, dessen Frequenz ich in eben diesem Bereich ermittelt hatte.

Erst viel später habe ich gelernt, dass das Geräusch im Innenohr entsteht. Woher kamen also die Messergebnisse? Ich habe sie einfach großzügig interpretiert und Artefakte oder atmosphärische Störungen für gültige Messwerte gehalten. Die Hoffnung, endlich die Ursache zu finden, hat meine sonst recht gut ausgeprägte Skepsis getrübt.

Eine ähnliche, aber deutlich weitreichendere Geschichte spielte sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich ab. Der Physiker René Blondlot, Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Nancy, experimentierte mit einem glühenden Draht in einem Eisenrohr und hoffte so, die Polarität von Röntgenstrahlen nachweisen zu können.

Dabei glaubte er eine Beobachtung zu machen: Schwache Lichtquellen, die vom Strahl seiner Vorrichtung getroffen wurden, schienen ihre Intensität zu verändern. So stellte er weitere Versuche mit der von ihm nach der Stadt Nancy benannten N-Strahlung an und entdeckte immer neue Zusammenhänge und Auswirkungen. Selbst die Intensität der Sehwahrnehmung des Auges schien von auftreffender N-Strahlung abhängig zu sein.

Schließlich veröffentlichte er seine Beobachtungen in einer angesehenen wissenschaftlichen Fachzeitschrift und machte so andere Forscher auf das Phänomen aufmerksam, die wiederum eigene Versuche anstellten und Blondlots Ergebnisse bestätigten.

Ebenfalls um die Jahrhundertwende wurden Röntgenstrahlung und Radioaktivität entdeckt. So lag es zunächst nahe, dass es auf dem Gebiet der Strahlungsforschung weitere Entdeckungen zu machen gab. Die Hoffnung, ebenfalls auf ein weltbewegendes Phänomen zu stoßen, trieb besonders in Frankreich zahlreiche Forscher an.

Es gab jedoch auch kritische Stimmen. Einige Physiker außerhalb Frankreichs konnten bei Replikationen von Blondlots Versuchen keine Effekte feststellen, was schließlich zu Mutmaßungen führte, nur Franzosen wären in der Lage, die minimalen, von der N-Strahlung hervorgerufenen Helligkeitsänderungen wahrzunehmen.

Schließlich nahm sich der US-amerikanische Experimentalphysiker Robert Williams Wood der Sache an und wohnte einem Experiment bei. Im Magazin Nature beschrieb er seine Vorgehensweise wie folgt:

The first experiment which it was my privilege to witness was the supposed brightening of a small electric spark when the n-rays were concentrated on it by means of an aluminium lens. The spark was placed behind a small screen of ground glass to diffuse the light, the luminosity of which was supposed to change when the hand was interposed between the spark and the source of the n-rays.
It was claimed that this was most distinctly noticeable, yet I was unable to detect the slightest change. This was explained as due to a lack of sensitiveness of my eyes, and to test the matter I suggested that the attempt be made to announce the exact moments at which I introduced my hand into the path of the rays, by observing the screen. In no case was a correct answer given, the screen being announced als bright and dark in alternation when my hand was held motionless in the path of the rays, while the fluctuations observed when I moved my hand bore no relation whatever to its movements.

Das erste Experiment, das ich beobachten durfte, war das vermeintliche Aufhellen eines kleinen elektrischen Funkens, wenn die N-Strahlen mithilfe einer Aluminiumlinse darauf konzentriert wurden. Der Funke wurde hinter einem kleinen Schirm aus Mattglas platziert, um das Licht zu streuen. Die Helligkeit sollte sich verändern, wenn die Hand zwischen den Funken und die Quelle der N-Strahlen gebracht wurde. Es wurde behauptet, dass dies sehr deutlich erkennbar sei, aber ich konnte nicht die geringste Veränderung feststellen. Dies wurde darauf zurückgeführt, dass meine Augen nicht empfindlich genug seien. Um die Angelegenheit zu überprüfen, schlug ich vor, die genauen Momente anzukündigen, zu denen ich meine Hand in den Weg der Strahlen brachte, indem man den Schirm beobachtete. In keinem Fall wurde eine korrekte Antwort gegeben. Der Schirm wurde abwechselnd als hell und dunkel bezeichnet, wenn meine Hand regungslos im Strahlenweg verharrte, während die beobachteten Schwankungen, als ich meine Hand bewegte, keinerlei Beziehung zu ihren Bewegungen hatten.

Wood tat also, was ein guter Wissenschaftler tun sollte und führte eine Verblindung ein. Die Beobachter sahen nicht, ob und wie Wood seine Hand bewegte. Ein weiteres verblindetes Expermiment mit einem Prisma führte zu ähnlichen Ergebnissen.

Sein Fazit:

I am obliged to confess that I left the laboratory with a distinct feeling of depression, not only having failed to see a single experiment of a convincing nature, but with the almost certain conviction that all the changes in the luminosity or distinctness of sparks and phosphorescent screens are purely imaginary.

Ich muss zugeben, dass ich das Labor mit einem klaren Gefühl der Enttäuschung verlassen habe. Nicht nur, dass es mir nicht gelungen ist, ein einziges überzeugendes Experiment zu sehen, sondern auch mit der fast sicheren Überzeugung, dass alle Veränderungen in der Helligkeit oder Deutlichkeit von Funken und phosphoreszierenden Bildschirmen rein imaginär sind.

Nach dieser Veröffentlichung ließ das Interesse an N-Strahlen deutlich nach. Die meisten Wissenschaftler wandten sich von diesem Thema ab. Bereits zwei Jahre später erschienen keine weiteren Veröffentlichungen mehr dazu.

Es ist leicht, der Versuchung zu verfallen, gewünschte Ergebnisse zu bevorzugen. Eine fehlende Verblindung bei Expermimenten begünstigt diesen Effekt.

Bei Blondlot und vielen seiner Kollegen hat der Bestätigungsfehler zugeschlagen, die Neigung, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen bestätigen.

 

Auszug aus Ware Hoffnung, Kapitel 18 „Kompetenz“:

»Klare Sache«, meinte Ricardo. »Aber so was wird unter Wissenschaftlern kaum vorkommen.«

»Sag das nicht!«, widersprach Ragnar. »Es gab einen interessanten Fall in Frankreich, um 1900. Ein Physiker in Nancy hatte einige Versuche angestellt und dabei scheinbar eine geheimnisvolle Strahlung entdeckt. Einige Zeit zuvor hatte man in Deutschland die Röntgenstrahlung erforscht und der Ehrgeiz in anderen Ländern war groß, dieser eine ebenso bahnbrechende Entdeckung entgegenzustellen. Dieses N-Strahlung genannte Phänomen wurde also umfangreich untersucht, viel darüber geschrieben, Hypothesen aufgestellt und überprüft und man kam zu allerlei Ergebnissen. Einen Haken gab es allerdings: Die Strahlung ließ sich nur mit dem Auge erkennen, als leichtes Glühen eines speziellen Detektors. Noch erstaunlicher: Nur französische Wissenschaftler waren in der Lage, diesen optischen Effekt wahrzunehmen. Diese schlossen daraus, dass Kollegen aus anderen Ländern offensichtlich nicht über die notwendige Sehkraft verfügten.«

Ragnar machte eine kurze Pause, um Ricardos verwirrten Blick zu genießen.

»Schließlich schaute sich ein amerikanischer Wissenschaftler die Angelegenheit an, um für ein großes Wissenschaftsmagazin darüber zu schreiben. Dieser verfügte über einige Erfahrung im Debunking, also darin, augenscheinlich unerklärliche Phänomene zu entzaubern. Mit einem Trick klärte er das Rätsel auf: Ein im Messaufbau befindliches Prisma drehte er so, dass die anwesenden französischen Kollegen eine Veränderung am Detektor hätten erkennen müssen, sofern es sie denn gab. Schließlich entfernte er das Prisma heimlich, was aber nichts an der Erkennungsrate änderte. Die ganze Sache war demnach eine große, kollektive Selbsttäuschung. Wunschdenken.«

 

Links:

 

Eine Frage der Ökonomie: Ockhams Rasiermesser

Di, 22.08.2023

Vor einigen Jahren hatte ich das Vergnügen, einer Online-Diskussion über Kornkreise beizuwohnen. Einige Teilnehmer der Diskussion waren fest überzeugt, dass diese Kreise nur von Außerirdischen erzeugt werden können. Also habe ich auf das Sparsamkeitsprinzip oder Ockhams Rasiermesser hingewiesen. Schnell erklärte mir jemand, dass demnach ja die einfachste Erklärung richtig sein müsse. Und Außerirdische schienen ihm die einfachste Erklärung zu sein, denn ein so perfektes Gebilde wie ein Kornkreis ließe sich von Menschen nur mit einem enormen technischen und logistischen Aufwand innerhalb einer Nacht anfertigen.

Doch genau das ist nicht Wilhelm von Ockhams (1288–1347) Aussage. Vielmehr versuchte er darauf hinzuweisen, dass bei der Suche nach einer möglichen Erklärung für ein Phänomen möglichst wenige Zusatzbedingungen (Entitäten) eingeführt werden sollen, für die wiederum Erklärungen erforderlich sind.

Schauen wir uns das am Beispiel der Kornkreise an.

Erklärung 1: Ein paar Leute sind mit Brettern, Seilen und Pflöcken über den Acker gestampft.

Erklärung 2: Bisher unbekannte Gravitationswirbel haben das Getreide in einer bestimmten Form zu Boden gedrückt.

Erklärung 3: Intelligente Außerirdische, die in der Lage sind, überlichtschnell riesige Entfernungen zu überwinden, wollen uns eine Botschaft zukommen lassen und haben sich dafür entschieden, mit Hilfe eines unbekannten Prozesses Formen auf unsere Felder zu malen.

So aufgelistet, ist die Präferenz schon erkennbar. Selbst wenn wir argumentieren, dass einfache Werkzeuge nicht genügen, um komplexe Kornkreisformen zu erzeugen, können wir relativ einfache Zusatzbedingungen einführen, etwa die Verwendung eines GPS-Empfängers für die genaue Positionierung der Ornamente oder eines Multicopters, um das Ergebnis zu kontrollieren.

Die Gravitationsanomalie erscheint wie eine einfache Lösung, aber setzt voraus, dass solche Wirbel bereits bekannt sind und dass sie in der Lage sind, Getreide an diesem Ort und in dieser speziellen Form zu zerknicken. Da ein derartiges Phänomen bisher nicht beobachtet wurde, müssen wir dafür eine ganz neue Theorie aufstellen.

Im Falle der Außerirdischen ist die Liste der Zusatzbedingungen schier endlos.

Ockhams Rasiermesser bedeutet allerdings auch nicht, dass die Lösung mit den wenigsten Zusatzbedingungen richtig sein muss. Wir können uns jedoch eine Menge Arbeit sparen, wenn mit mit dieser Lösung anfangen und sie genauer auf Plausibiliät untersuchen. Erweist sich die Hypothese nach wissenschaftlichen Kriterien als brauchbar und belastbar, können wir alle aufwändigeren Hypothesen verwerfen.

Es geht also schlicht darum, kognitive Energie zu sparen. So macht kritisches Denken das Leben einfacher.

 

Auszug aus Ware Hoffnung, Kapitel 12 „Werkzeug“:

»Aber wie kann ich denn erkennen, ob es sich bei solchen Geschichten um eine Tatsache oder eine kreative Erzählung handelt?«, wollte Ricardo wissen.

»Du kannst es eigentlich nie völlig zweifelsfrei wissen. Das heißt aber nicht, dass alles gleichermaßen möglich und wahrscheinlich ist. Wenn du nicht vorhast, alles über das jeweilige Thema zu lernen, um dir ein solides Urteil bilden zu können – wobei du selbst dann nicht hundertprozentig sicher sein kannst – dann musst du erst einmal andere Methoden anwenden. Ockhams Razor ist für den Anfang ganz nützlich.«

»Und was kann dieses Rasiermesser alles?« hakte Ricardo nach.

»Nehmen wir einen der Fälle, die du erwähnt hast. Da behauptet jemand, aus Gravitationskraft, aus der Erdanziehung, Energie erzeugen zu können. Die Physik sagt: Das geht nicht, weil Gravitation ein konservatives Feld ist. Du kannst Energie in ein Objekt stecken, indem du es hochhebst. Wenn es dann herunterfällt, gibt es genau diese Energie wieder ab. Die Summe ist null. Jetzt kommt jemand und erzählt, er habe aber doch eine Möglichkeit gefunden und eine Maschine gebaut, die von der Schwerkraft angetrieben wird. Die hat er in seinem Keller stehen und nach uralten Plänen konstruiert, die zwar streng geheim sind, aber irgendwo im Internet auf einer bunten Seite mit vielen Rechtschreibfehlern zum Verkauf angeboten werden. Vorführen kann er die Maschine nicht, weil noch ein wichtiges Bauteil fehlt, das leider zufällig nicht lieferbar und außerdem das Quantenfeld gerade nicht in Resonanz ist. Und niemand vor ihm hat es bisher gewagt, so eine Maschine zu bauen, weil man dann sofort bedroht oder gar ermordet würde. Außerdem hätten sich Wissenschaftler an dieses Geheimnis nicht herangetraut, weil sie um ihre Reputation fürchteten.«

»Ja, so ungefähr sehen diese Geschichten aus«, bestätigte Ricardo.

»Gut«, fuhr Ragnar fort. »Jetzt stellst du einfach die Menge der notwendigen Erklärungen beider Seiten nebeneinander. Du machst eine Liste, was für und was gegen diese Behauptung spricht. Links steht: Der Typ spinnt. Rechts steht: Eine weltweite Verschwörung sorgt seit Jahrhunderten dafür, dass dieses Wissen geheim geblieben ist. Die gesamte Physik ist ein einziger Irrtum, was aber ebenfalls verschwiegen werden muss, um Aufstände zu verhindern und die Menschheit dumm zu halten. Alle Physiker, Lehrer, Konzernchefs und Regierungen sind eingeweiht, verheimlichen aber die Wahrheit. Nur die Leute von der bunten Website haben davon erfahren und verkaufen dieses Wissen nun für neunundneunzig fünfzig Vorkasse als dreiseitige PDF-Datei. Natürlich anonym, weil sie sonst ebenfalls um ihr Leben fürchten müssten.«

»Na gut, ich sehe, wo das hinführt«, nickte Ricardo. »Gesunder Menschenverstand.«

»Nein, eben nicht«, widersprach Ragnar. »Der ist ja nicht allgemeingültig, weil er bei jedem Menschen zu einem anderen Ergebnis führt, je nach Prägung, Bildung, Erwartung, Intuition und weiteren Faktoren. Was du brauchst, ist etwas, das möglichst unabhängig von der eigenen Wahrnehmung ist. Ich behaupte nicht, dass du damit zur endgültigen Wahrheit findest. Das geht überhaupt nicht. Aber so gewinnst du einen Wahrscheinlichkeitswert, von dem aus du dich weiter orientieren kannst. Heuristik ist das Stichwort. If it sounds too good to be true, it probably is, in Kurzform. Wörtlich heißt es: Von mehreren möglichen hinreichenden Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen«, erklärte Ragnar und fuhr fort:

»Ja, vielleicht gibt es diese riesige Verschwörung, wie es schon viele Verschwörungen gab. Es sieht eben nur nicht danach aus, weil die Erklärung zwingend eine große Menge gesicherten Wissens für ungültig erklären würde und unzählige Nebenbedingungen erfordert. Es ist einfach extrem unwahrscheinlich. Letztendlich ist es eine Frage der Ökonomie. Die komplizierte Variante verursacht einen enormen Aufwand, wird dich aber voraussichtlich nicht zum Ziel bringen. Deshalb musst du sie aber trotzdem nicht vollständig ablehnen. Du legst sie einfach beiseite und beschäftigst dich mit Dingen, die dir plausibler erscheinen. Ich vermute, auch dein Chef dürfte das zu schätzen wissen.«

»Oh ja, tut er«, grinste Ricardo. »Sehr sogar.«

 

Links:

Wikipedia: Ockhams Rasiermesser

Psiram: Kornkreis

GWUP-Blog: Kornkreise und Paranormales: Ist die GWUP gegen alles?

Alle doof außer ich – Der Dunning-Kruger-Effekt

So, 13.08.2023

Hast du dich heute schon über völlig unfähige Politiker oder deinen inkompetenten Chef aufgeregt? Bist du auch davon überzeugt, dass du das alles wesentlich besser hinbekommen würdest? Dann hast du möglicherweise gerade den Dunning-Kruger-Effekt beobachtet. Bei dir selbst.

Auch ohne sich viel mit kritischem Denken beschäftigt zu haben, ist vielen Menschen der Begriff Dunning-Kruger schon mal begegnet, meistens in irgendwelchen Diskussionen im Internet.

Allerdings gibt es da ein gewaltiges Missverständnis. Denn dieser Effekt, nach dem Psychologen David Dunning und seinem Doktoranden Justin Kruger benannt, ist nicht in erster Linie das, was man bei anderen Menschen beobachtet. Wir selbst sind diese Individuen, die wir unsere eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie unser Wissen gnadenlos überschätzen. Niemand ist davor sicher.

Definition: Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt die Unfähigkeit, die eigene Kompetenz (auf einem bestimmten Gebiet) realistisch einzuschätzen, mit der häufigen Konsequenz, die eigenen Fähigkeiten oder Kenntnisse zu überschätzen.

Das leuchtet ein. Wenn ich nicht weiß, was ich nicht weiß, kann ich auch schlecht einschätzen, welches Wissen notwendig wäre, um einen Sachverhalt richtig einzuschätzen.

Die folgende Grafik zeigt den Zusammenhang zwischen dem Ergebnis eines Tests, der eigenen Einschätzung des erwarteten Testergebnisses sowie der Wahrnehmung der eigenen Kompetenz.

Auffällig ist, dass vor allem die kompetentesten Personen dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen, während die beiden unteren Viertel sich teils deutlich überschätzen. Dieser Effekt wurde inzwischen in mehreren Studien beobachtet. Die deutsche Wikipedia nennt folgende Merkmale des Dunning-Kruger-Effekts:

Weniger kompetente Personen

  • neigen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen
  • erkennen überlegene Fähigkeiten bei anderen Personen nicht an
  • sind nicht in der Lage, das Ausmaß ihrer eigenen Inkompetenz zu erkennen
  • können durch Bildung oder Übung nicht nur ihre Kompetenz, sondern auch ihre Fähigkeit, sich selbst besser einzuschätzen, steigern.

Im „Skeptics Guide to the Universe“ verwendet der Autor Steven Novella den Begriff  „neuropsychologische Demut“. Das Bewusstsein über die eigene kognitive Unzulänglichkeit gehört dazu.

Was hilft also, nicht als typischer Vertreter des Dunning-Kruger-Effekts unangenehm aufzufallen? Alleine das Bewusstsein, dass wir uns in den meisten Fällen irgendwo im unteren Viertel der obigen Grafik befinden, kann uns schon vor Selbstüberschätzung bewahren. Nur dann können wir gegensteuern und unser tatsächliche vorhandenes Wissen in einem Fachgebiet systematisch in Frage stellen. Echte Experten in einem bestimmten Bereich sind gewöhnlich Experten, weil sie sich viele Jahre intensiv mit einem Thema beschäftigt haben. Das so erlangte Wissen lässt sich eben nicht in einem kurzen Youtube-Video vermitteln.

 

Auszug aus Ware Hoffnung, Kapitel 18 „Kompetenz“

Ragnar saß bereits an einem der kleinen Tische und nippte an einem grünlichen, sprudelnden Getränk, als Ricardo das Café betrat. Ragnar war einfach immer zuerst da, wenn man sich mit ihm verabredete. Vielleicht lag es schlicht daran, dass Ricardo die vereinbarte Uhrzeit eher als lockere Empfehlung ansah und das Haus erst verließ, wenn es wirklich knapp war.

Nachdem beide einige unterhaltsame Erinnerungen vom vergangenen Abend ausgetauscht hatten, kam Ricardo auf das Thema zu sprechen, das ihn gerade am meisten beschäftigte: wie sich echte Wissenschaft von Pseudowissenschaft unterscheiden ließe.

»Weißt du, Ragnar«, begann er, »wenn ich Diskussionen zu naturwissenschaftlichen Themen lese, tauchen grundsätzlich Leute auf, die mit felsenfester Überzeugung irgendwas behaupten und dann wiederum andere, die ebenso selbstsicher das Gegenteil erzählen. Ich sitze dann gewöhnlich etwas orientierungslos davor und wundere mich, wie man ein derartiges Selbstbewusstsein an den Tag legen kann, obwohl eine der Positionen doch offensichtlich falsch sein muss.«

»Sind das denn Fachleute, die da diskutieren? Wissenschaftler?«, fragte Ragnar.

»Schwer zu erkennen«, antwortete Ricardo, »in den meisten Fällen wohl nicht. Der Diskussionsstil spricht eher dagegen.«

»Dann hast du vermutlich den Dunning-Kruger-Effekt in freier Wildbahn beobachtet«, erklärte Ragnar.

»Der beschreibt die Unfähigkeit, die eigene Kompetenz realistisch einzuschätzen. Wer nichts weiß, hält sich eher für kompetent als jemand mit umfangreichem Fachwissen. Letztgenannte Personen unterschätzen sich eher.«

 

 

Links:

Wikipedia (de): Dunning-Kruger-Effekt

futurezone: Ahnungslos und stolz darauf

Ratgeber-News-Blog: Der missverstandene Dunning-Kruger-Effekt

Justin Kruger and David Dunning: Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments

Wünschelrute und Pendel – Der Carpenter-Effekt

Fr, 11.08.2023

Kürzlich hatte ich wieder eine dieser merkwürdigen Diskussionen:

„Ich kenne da einen Brunnenbauer, der findet mit der Wünschelrute jede Wasserader. Das klappt immer!“

Was antwortet man da am besten? Ich habe mich darauf beschränkt, dass man bei uns fast überall Wasser findet, wenn man ein Loch in den Boden bohrt und deshalb die Trefferquote des feinsinnigen Brunnenbauers naturgemäß sehr hoch ist. Tiefer wollte ich in das Thema nicht einsteigen.

Aber warum sind Rutengänger davon überzeugt, zwei Drahtstücke ließen sich irgendwie vom Wasser so beeindrucken, dass sie anfangen zu zucken?

Dahinter steckt wieder einmal eine Selbsttäuschung. Diesmal ist es aber nicht direkt die Wahrnehmung über die Sinne, die uns veralbert, sondern unsere Muskeln. Die können nämlich kleinste Bewegungen ausführen, ohne dass wir das merken. Diese unbewussten Aktionen führen dazu, dass ein Pendel in einer bestimmten Richtung schwingt, die Wünschelrute ausschlägt oder der Finger auf dem Ouija-Board ein bestimmtes Buchstabenfeld ansteuert.

Die Bewegungen führen dabei zu einem erwünschten Ergebnis, das uns aber nicht unbedingt bewusst sein muss. Im Falle der Wünschelrute können das äußere Einflüsse sein, etwa eine bestimmte Vegetation oder andere Merkmale der Umgebung. Rutengänger sind sich allerdings sehr sicher, dass sie das Ergebnis nicht selbst beeinflussen.

Aber wie können wir wissen, dass es nicht doch eine unbekannte, mystische Kraft gibt, die Rute, Pendel etc. beeinflusst? Zunächst hilft da Ockhams Rasiermesser, also die Methode, unter vielen möglichen Erklärungen jene mit den wenigsten notwendigen Nebenbedingungen zu bevorzugen. Der ideomotorische Effekt oder Carpenter-Effekt ist bekannt und gut erforscht. Das macht andere Erklärungen weitgehend überflüssig, besonders wenn diese allem widersprechen, was wir über die Natur wissen. Erdstrahlen und Wasseradern zu erfinden ist schlicht nicht notwendig.

Sollte man das Phänomen Rutengehen trotzdem weiter erforschen? Natürlich, das wird ja auch gemacht. Die GWUP etwa hat in unzähligen verblindeten Versuchen und unterschiedlichen Settings mit Probanden, die auf die ausgelobten 10.000 Euro hofften, deutlich gezeigt, dass unter kontrollierten Bedingungen von den angeblichen Fähigkeiten nur Zufallstreffere übrig bleiben.

Natürlich könnten wir lächelnd darüber hinwegsehen, dass es trotzdem Menschen gibt, die fest an solche übernatürlichen Fähigkeiten glauben. Spätestens, wenn dadurch eine Gefahr für Leib und Leben besteht, ist es jedoch mit dem Spaß vorbei. Etwa dann, wenn Heilpraktiker und andere Scharlatane behaupten, mit Hilfe von Pendeln oder Tensoren ernsthafte gesundheitliche Diagnosen stellen zu können.

Unter der Bezeichnung ADE 651 vermarktete ein britischer Geschäftsmann ein wünschelrutenartiges Gerät, das beim Aufspüren von Sprengstoffen helfen sollte. Für bis zu 40.000 Euro wurden diese Apparate unter anderem an Polizei und Militär im Irak verkauft. Der Chef des Unternehmens, Jim McCormick, wurde später wegen Betruges zu 10 Jahren Haft verurteilt.

In solchen Fällen kann kritisches Denken Leben retten. Vielleicht hätte aber auch ein Blick auf das Innenleben dieser Geräte schon geholfen.

 

 

Links:

Psiram: ADE 651

Psiram: Biotensor

Psiram: Ouija

Wikipedia: Carpenter-Effekt

Tagesspiegel: Dr. Rainer Wolf u.a. über die PSI-Tests der GWUP

PSI-Tests 2017 der GWUP: Die geheime Kraft der Wünschelrute ließ zu wünschen übrig

Esoterik für Männer: Der Magnetmotor

Sa, 05.08.2023

An meine ersten Experimente mit Magneten kann ich mich noch gut erinnern. Mein Vater brachte mir diese schwarzen Magnetstreifen mit, die in Kühlschranktüren verbaut sind. Je nachdem, wie man sie hält, ziehen sie sich an oder stoßen sich ab. Diese Kräfte sollten sich doch irgendwie nutzen lassen und so versuchte ich, Magnetstücke kreisförmig auf einer Scheibe anzuordnen und in eine Drehbewegung zu versetzen.

Das funktionierte natürlich nur so lange, wie ich einen weiteren Magneten am Rand der Scheibe bewegte. Eine völlig selbsttätige Bewegung war so nicht zu erreichen, wie ich bald feststellte.

Diese Erkenntnis hatten viele erwachsene Menschen bis heute nicht und so ist diese Konstruktion immer noch ein beliebtes Geschäftsmodell, um Leute mit mehr Geld als Hirn von ihrem Ersparten zu trennen.

Die ersten Aufzeichungen über eine derartige Konstruktion stammen aus dem Jahr 1269 von Petrus Peregrinus de Maricourt, der ein Rad beschrieb, das sich nur durch die Kraft von Permanentmagneten dauerhaft drehen sollte. Möglicherweise war das einfach nur ein Gedankenexperiment, das aber bis heute in Freie-Energie-Kreisen als Beweis gewertet wird, dass ein magnetbasiertes Perpetuum mobile funktionieren kann. Magnetismus ist, ebenso wie Gravitation, eine konservative Kraft. Es ist also nicht möglich, aus einem solchen Feld dauerhaft Energie zu ziehen.

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Das kann kein Zufall sein! Hyperactive Agency Detection

Do, 03.08.2023

Wenn ich mir als Kind den Kopf am Tisch gestoßen habe, war klar, dass der Tisch „böse“ ist. Ich habe dem Möbel eine Absicht unterstellt, mich  schädigen zu wollen. Nicht nur bei unseren frühen Vorfahren, nein, auch heute ist der erste Impuls, wenn irgendwas passiert, dafür jemanden oder etwas verantwortlich zu machen.

Das kann ein Unwetter sein, mit dem die gerade moderne Gottheit die Menschheit strafen will, ein Ernteausfall, für den eine verfeindete Gruppe verantwortlich gemacht wird oder, als aktuelleres Beispiel, ein Erdbeben, das sicher von dunklen Mächten via HAARP-Hochfrequenzstrahlung ausgelöst wurde. Und die Corona-Pandemie kann nach dieser Denkweise nicht einfach eine Folge unglücklicher Ereignisse sein, sondern muss von böswilligen Akteuren absichtsvoll herbeigeführt worden sein.

Unser Steinzeitgehirn unterteilt die Umwelt in Akteure und Objekte. Akteuren wird eine Absicht unterstellt, Objekten nicht. Dabei müssen Akteure nicht unbedingt belebt sein. Unser Plüschtier etwa haben wir als Akteur wahrgenommen, vielleicht sogar mit ihm geredet, auch wenn uns klar war, dass es nicht lebendig ist.

Ein Blick in die Evolution zeigt uns, dass es durchaus vorteilhaft war, so zu denken. Wenn unsere Vorfahren zunächst davon ausgingen, dass das Geräusch im Gebüsch von einem Feind oder einem Raubtier stammt, war genug Zeit, um wegzulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. Jene Individuen, die zunächst untersuchen wollten, ob es sich nicht doch um eine harmlose Ursache handelt, hatten auf lange Sicht geringere Reproduktionschancen. Einen ähnlichen Effekt kennen wir bereits von der Pareidolie.

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