Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Podcast

WH25 Plan

Do, 30.04.2026

In dieser Folge steht Ricardo an einem Wendepunkt. Nach seinen Begegnungen mit fragwürdigen Energieprojekten wird ihm klar, dass er nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Zusammen mit Ragnar, Natalya und Marlen überlegt er, wie man solchen Täuschungen begegnen kann, ohne sich selbst angreifbar zu machen. Aus Ärger wird ein Plan.

Der reale Fall führt nach Österreich: Zur ASFINAG, zur Arlberg-Schnellstraße S16 und zu Gerhard Pirchl, der gefährliche Unfallstellen mit Pendel, Rätia-Steinen und „Gegenadern“ entschärfen wollte. Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick skurril. Bei näherem Hinsehen zeigt sie aber, wie Pseudowissenschaft in Institutionen eindringen kann, wenn echte Probleme, Handlungsdruck, Fachsprache und der Satz „Schaden kann’s ja nicht“ zusammenkommen.

Außerdem geht es diesmal um Recherche als praktische Seite des angewandten Zweifels. Wie findet man alte Quellen? Was leisten archive.org, Google Books, Patentdatenbanken, Firmenregister und wissenschaftliche Literatur? Warum sind Primärquellen so wichtig? Und warum sind Zitatketten noch lange keine Beweisketten?

Zum Abschluss folgt der Fehlschluss der Woche: der Strohmann-Trugschluss. Denn wer eine Diskussion gewinnen will, sollte zuerst auf das antworten, was tatsächlich gesagt wurde.

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WH24 Illusion

Do, 23.04.2026

In dieser Folge geht es zunächst auf eine Messe in Salzburg. Ricardo besucht die New Power Expo und bewegt sich dort zwischen echter Energietechnik, professioneller Inszenierung und einem angeblichen Wunderkraftwerk, das bei genauerem Hinsehen vor allem aus Behauptungen, Effekten und Hoffnung besteht. Das Romankapitel „Illusion“ zeigt sehr anschaulich, wie leicht sich Technik in eine Bühne verwandeln lässt, wenn nur die passende Geschichte dazukommt .

Danach schauen wir uns einen realen Fall an, bei dem aus Computern, Elektroden und pseudowissenschaftlicher Sprache ein lukratives Geschäftsmodell wurde: QXCI, EPFX, SCIO und die Welt der Bioresonanz. Dort geht es nicht nur um absurde Diagnosen, sondern auch um echte Schäden.

Im Abschnitt „Angewandter Zweifel“ bauen wir dann Schritt für Schritt unseren eigenen pseudowissenschaftlichen Scam. Mit den Zutaten aus den bisherigen Folgen entsteht der Karmonizer, ein elektronisches Karma-Korrekturgerät mit KI, App und maximalem Zukunftsversprechen. Das ist Satire, aber leider nur knapp.

Zum Schluss geht es um den Bias der Woche: Automation Bias. Also um die Tendenz, einem System mehr zu glauben als dem eigenen Urteil. Genau das verbindet das falsche Kraftwerk, den QXCI-Unsinn und unseren satirischen Karmonizer. Denn manchmal reicht ein Bildschirm, damit aus einer Behauptung scheinbar ein Befund wird.

Episodenbild: AnnushkaW, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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WH23 Kraftwerk

Do, 16.04.2026

Wie kann aus ernsthafter Wissenschaft Pseudowissenschaft werden, ohne dass jemand bewusst betrügt? Genau darum geht es in dieser Folge von Ware Hoffnung.

Wir beginnen mit einem fast vergessenes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte: die N-Strahlen. 1903 verkündet der angesehene Physiker René Blondlot in Nancy die Entdeckung einer neuen Strahlung. Zahlreiche Forscher bestätigen den Befund, immer neue Eigenschaften werden beschrieben, und für kurze Zeit scheint eine große physikalische Sensation greifbar. Bis Zweifel wachsen und sich zeigt, dass hier etwas ganz anderes am Werk war als eine neue Naturkraft.

Was ist da im Labor eigentlich passiert? Welche Rolle spielten Wahrnehmung, Erwartung, Autorität und Gruppendynamik? Und warum war der Fall nicht nur ein Irrtum einzelner Beobachter, sondern auch ein Problem wissenschaftlicher Kultur?

Von dort führt der Weg zu einer Methode, die heute selbstverständlich wirkt und damals vieles hätte verhindern können: Verblindung. Was bedeutet einfachblind, doppelblind, dreifachblind? Warum ist das nicht nur in der Medizin wichtig, sondern auch bei der Prüfung paranormaler Behauptungen, etwa bei Wünschelruten? Und wie lässt sich dieses Prinzip ganz bodenständig in den Alltag übersetzen?

Eine Folge über akademische Selbsttäuschung, über den Erwartungseffekt und darüber, warum gute Wissenschaft nicht deshalb stark ist, weil Menschen unfehlbar wären, sondern weil sie gelernt hat, sich selbst nicht blind zu vertrauen.

Episodenbild: Vulvani, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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WH22 Lorna

Do, 09.04.2026

In dieser Folge von Ware Hoffnung führt der Weg nach Edinburgh. Im Romankapitel „Lorna“ erlebt Ricardo, wie eng technische Verheißung, Charme und Inszenierung zusammenwirken können. Aus einer scheinbar harmlosen Begegnung wird ein Lehrstück darüber, wie Vertrauen entsteht und wie daraus Zweifel wächst.

Danach geht es um einen realer Fall, der seit Jahrzehnten zwischen „Freier Energie“, Antigravitation und Erfinderlegende schwebt: John Searl und sein angeblicher Searl Effect Generator. Ich schaue mir an, wie diese Geschichte erzählt wird, warum sie so faszinierend wirkt und was von ihr übrig bleibt, wenn man sie an wissenschaftlichen Maßstäben misst.

Dabei geht es nicht nur um ein Wundergerät, sondern auch um ein verbreitetes Zerrbild von Wissenschaft. Ist sie wirklich engstirnig und lehrbuchhörig, wie es in pseudowissenschaftlichen Milieus gern heißt? Oder liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie mit menschlicher Fehlbarkeit rechnet?

Zum Schluss geht es um einen Fehlschluss, der in solchen Fällen besonders oft vorkommt: Rosinenpickerei. Also die Kunst, aus echten Fragmenten ein falsches Gesamtbild zu bauen.

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Wenn Wissenschaft nur Kulisse ist – Wie Hal Puthoff Reputation verleiht. TL;DR zu Folge WH21 „Weltfrieden“

Do, 02.04.2026

Im Romankapitel „Weltfrieden“ trifft Ricardo in Edinburgh auf Angus McKenna und erlebt in nicht als schrillen Spinner, sondern als sympathischen, vernünftig wirkenden Unternehmer, der von sauberer Energie, einer besseren Zukunft und am Ende sogar vom Weltfrieden spricht. Die Warnsignale liegen diesmal nicht in offener Absurdität, sondern in einer perfekt präsentierten Vision, die Wissenschaft nicht angreift, sondern gezielt als Kulisse einbindet. Darum geht es in dieser Folge: wissenschaftsnahe Pseudowissenschaft. Sie arbeitet nicht gegen Wissenschaft, sondern bedient sich ihrer Sprache, ihrer Titelträger und ihres Ansehens, ohne sich wirklich ihren Regeln zu unterwerfen.

Das führt uns zu Hal Puthoff, einer Figur, die genau dieses Zwischenreich verkörpert. Puthoff ist kein Scharlatan und kein ahnungsloser Bastler. Er ist ausgebildeter Physiker und Ingenieur, hat seriös gearbeitet, publiziert und weiß genau, wie wissenschaftliche Verfahren aussehen müssen. Aber anstatt sich auf solide, begrenzte Forschungsfragen zu konzentrieren, zieht es ihn immer wieder zu den großen Sensationen: paranormale Kräfte, Uri Geller, Nullpunktenergie, wundersame Energiequellen. Er kennt die Regeln wissenschaftlicher Prüfung, wendet sie aber nur dort streng an, wo sie seinem Interesse nicht im Weg stehen.

Puthoff und Russell Targ nahmen am Stanford Research Institute ernsthaft an, paranormale Fähigkeiten untersuchen zu können, und ließen sich dabei von klassischen Bühnenillusionen täuschen. Der Punkt der Folge ist dabei nicht bloß, dass Wissenschaftler hereinfielen. Entscheidender ist, warum sie hereinfielen: Sie suchten keine Tricks, sondern Belege für das Außergewöhnliche. Wo ein Magier sofort an Manipulation denkt, sucht der gutwillige Forscher nach einem Effekt. Diese Haltung öffnet Pseudowissenschaft Türen, wenn sie auf Forscher trifft, die Bestätigung suchen.

Die Folge zeichnet Puthoff deshalb als epistemischen Verstärker. Er liefert nicht selbst die Wundergeräte oder die Raumenergie-Maschinen, aber er hält die Tür offen, damit solche Behauptungen als „vielleicht doch prüfenswert“ erscheinen. In der Stanley-Meyer-Doku etwa spricht er vernünftig über Prüfverfahren und darüber, wie man ein solches Gerät eigentlich testen müsste. Gleichzeitig schwärmt er aber von Nullpunktenergie als Zukunftslösung und verschiebt den großen Durchbruch einfach immer weiter nach hinten. Das ist typisch: Negative Ergebnisse führen bei ihm nicht dazu, eine Hypothese zu verwerfen, sondern nur dazu, noch mehr Forschung zu fordern oder gleich eine neue Physik zu verlangen.

Das führt zu einer Beschäftigung mit der wissenschaftliche Methode und zur Erklärung, dass Wissenschaft mit Beobachtung beginnt, dann Hypothesen formuliert, aus diesen Vorhersagen ableitet und sie so prüft, dass sie auch scheitern können. Popper kommt an dieser Stelle ins Spiel, weil Falsifizierbarkeit verhindert, dass man sich nur noch Bestätigung zusammensammelt. Hypothesen müssen Bedingungen nennen, unter denen sie aufgeben werden müssten. Dazu kommen Transparenz, Reproduzierbarkeit und die Möglichkeit, dass andere Teams unabhängig prüfen. Das alles dient dazu, Wunschdenken zu begrenzen.

Bei Puthoff kollidiert das mit seiner Praxis. Seine bevorzugten Konzepte, etwa „Zero Point Energy“, bleiben oft unscharf genug, dass sie sich kaum sauber falsifizieren lassen. Wenn Experimente scheitern, wird die Idee nicht kleiner, sondern die Wissenschaft angeblich zu eng. Damit kehrt sich der Prozess um. Nicht die Hypothese stirbt an der Realität, sondern die Realität wird so lange uminterpretiert, bis die Hypothese überlebt. Bei Hal Puthoff überleben auch kranke Hypothesen außergewöhnlich lange, weil ihre Umgebung passend gemacht wird.

Puthoff erscheint aber keineswegs als Betrüger. Eher wirkt er wie jemand, der sich selbst von der Sehnsucht nach dem großen Durchbruch antreiben lässt. Er will nicht den kleinen Fortschritt, die nüchterne Präzisierung, das begrenzte Resultat. Es muss die große Sensation sein, mindestens eine Revolution des Weltbildes. Das macht ihn für pseudowissenschaftliche Milieus besonders nützlich. Er verleiht extremen Behauptungen Reputation, weil er selbst an ihre Möglichkeit glauben will.


Fehlschluss der Woche: Verschobene Torpfosten

Der Fehlschluss dieser Folge sind die verschobenen Torpfosten. Eine Behauptung wird geprüft, die Prüfung fällt negativ aus, und statt das Ergebnis zu akzeptieren, werden nachträglich die Bedingungen geändert. Plötzlich ging es gar nicht um einen messbaren Energieüberschuss, sondern um eine besondere Energieform, um ein Prinzip, um eine theoretische Möglichkeit oder um noch nicht erfüllte Voraussetzungen.

Genau so bleibt Hoffnung erhalten, aber Erkenntnis geht verloren. Denn sobald die Bedingungen eines Tests im Nachhinein verändert werden, verliert das Ergebnis seinen Wert. In der Wissenschaft müssen Erfolgskriterien vorher feststehen. Sonst gewinnt am Ende nicht die bessere Erklärung, sondern nur die beweglichere.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Weltfrieden, saubere Energie und wissenschaftliche Reputation ergeben zusammen eine besonders wirksame Form wissenschaftsnaher Pseudowissenschaft.
  • Hal Puthoff ist kein klassischer Scharlatan, sondern ein glaubwürdiger Grenzgänger, der extremen Behauptungen wissenschaftlichen Anstrich verleiht.
  • Seine Offenheit für Sensationen geht mit einer selektiven Anwendung wissenschaftlicher Methoden einher.
  • Wissenschaft braucht Falsifizierbarkeit, Transparenz und die Bereitschaft, Hypothesen scheitern zu lassen.
  • Verschobene Torpfosten halten Hoffnungen am Leben, zerstören aber die Aussagekraft von Prüfungen.

Diese Folge zeigt, dass die gefährlichsten Grenzüberschreitungen oft nicht dort passieren, wo jemand offen gegen Wissenschaft arbeitet, sondern dort, wo wissenschaftliche Verfahren nur halb angewendet werden.

WH21 Weltfrieden

Do, 02.04.2026

Im Roman-Kapitel „Weltfrieden“ trifft Ricardo in Edinburgh auf Angus McKenna, einen charmanten Visionär mit einer Technologie, die angeblich Klimawandel und Ressourcenkriege beenden und vielleicht gleich den Weltfrieden bringen kann. Je länger das Gespräch dauert, desto klarer wird: Hier wird kein belastbares Gerät verkauft, sondern eine perfekte Geschichte.

Von dort aus führt diese Folge in ein besonders spannendes Grenzgebiet: wissenschaftsnahe Pseudowissenschaft. Im Zentrum steht Harold „Hal“ Puthoff, ein hervorragend ausgebildeter Elektrotechniker und Laserforscher, der sich immer wieder an die Ränder des wissenschaftlich Etablierten bewegt hat. Uri Geller, Remote Viewing, Zero Point Energy, Warp Drive: Puthoffs Themen haben fast immer das Format der großen Sensation.

Die Folge zeichnet nach, wie sich durch seine Laufbahn ein Muster zieht. Puthoff kennt die wissenschaftliche Methode, spricht ihre Sprache und benennt methodische Probleme oft völlig korrekt. Gleichzeitig zeigt sich immer wieder, dass seine stärksten Hoffnungen erstaunlich widerstandsfähig bleiben. Scheitern Konzepte, wankt selten die Leitidee. Bleibt ein Nachweis aus, wandert der Durchbruch in die Zukunft.

Anhand von Project Alpha, der BBC-Doku über Stanley Meyer und einem Ausflug in die wissenschaftliche Methode zeigt die Folge, warum hohe Fachkompetenz nicht automatisch vor Wunschdenken schützt. Am Ende geht es um eine einfache, aber folgenreiche Frage: Was passiert, wenn jemand wissenschaftlich denkt, aber seine Skepsis nicht konsequent gegen die eigenen Lieblingsideen richtet?

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Warum Verschwörungen so gut funktionieren – und warum der Zufall es so schwer hat. TL;DR zu Folge WH20 „Verschwörung“

Do, 26.03.2026

Das Romankapitel „Verschwörung“ beginnt mit einer Szene, in der Ricardo im Flugzeug auf dem Weg nach Edinburgh neben einem Verleger sitzt, der in allem ein Muster erkennt: freie Energie, Chemtrails, Unterdrückung, Kontrolle. Für ihn hängt das alles zusammen. Darum geht es in dieser Folge, wobei weniger die einzelnen Behauptungen interessant sind als vielmehr die Denkweise dahinter.

Chemtrails dienen dabei als Beispiel. Die konkrete Behauptung ist schon vielfach widerlegt worden, spannend ist hier etwas anderes: die Struktur der Erzählung. Am Anfang steht eine reale Beobachtung, etwa Kondensstreifen am Himmel. Danach folgt jedoch keine offene Untersuchung, sondern sofort eine Deutung. Aus „das sieht ungewöhnlich aus“ wird „das kann nicht normal sein“. Damit steht die Richtung schon fest, noch bevor überhaupt geprüft wurde, welche Erklärungen sonst in Frage kommen.

Dann folgen die bekannten Muster. Es werden wissenschaftlich klingende Begriffe und technische Details eingeführt, die Präzision suggerieren, ohne überprüfbar zu sein. Autoritäten wie Piloten, Ärzte oder angebliche Insider werden zitiert, auch wenn ihre Aussagen oft nicht sauber belegt sind. Kritik wird nie als Korrektiv verstanden, sondern immer in das bestehende Weltbild eingebaut: Wenn Medien oder Behörden widersprechen, beweist das die Vertuschung. Wenn sie schweigen, bestätigt auch das die Theorie. So entsteht ein geschlossenes System, das jede Gegenrede in Bestätigung umwandeln kann.

Damit handelt es sich hier um ein ideales Thema für den angewandten Zweifel. Man muss nicht jede einzelne Chemtrail-Behauptung chemisch oder meteorologisch widerlegen. Viel aufschlussreicher ist die Metaebene: Woher kommen die gezeigten Informationen, wer spricht da eigentlich, wie wird mit Einwänden umgegangen, welche rhetorischen Bausteine tauchen immer wieder auf? Die Folge zeigt, dass sich Verschwörungserzählungen in ihrer Struktur kaum von pseudowissenschaftlichen Geschichten unterscheiden. Auch hier geht es um Inszenierung, um scheinbare Präzision, um exklusive Deutungshoheit und um die Immunisierung gegen Widerspruch.

Das führt uns zu einem größeren Thema: den Zufall. Viele Verschwörungserzählungen leben davon, dass Zufall als Erklärung gar nicht mehr zugelassen wird. Sätze wie „Das kann kein Zufall sein“ markieren genau diesen Punkt. Sobald Zufall ausgeschlossen wird, braucht jedes Ereignis eine Absicht, einen Plan, einen Akteur. Dann verwandeln sich auffällige Muster sofort in Hinweise auf Steuerung.

Einerseits gibt es das Bedürfnis nach einer geordneten, berechenbaren Welt, wie es schon in Laplaces Vorstellung eines vollständig vorhersagbaren Universums angelegt ist. Andererseits zeigen Chaostheorie und Quantenphysik, dass vollständige Vorhersagbarkeit eine Illusion bleibt. Selbst in einer regelhaften Welt gibt es offene Fragen, Unsicherheit und echte Ungewissheit. Das macht Zufall für viele Menschen so unangenehm. Er stört das Bedürfnis nach Sinn, Kontrolle und Vorhersagbarkeit.

Heinz Oberhummer hat sich in seinem Buch „Kann das alles Zufall sein?“ mit der Frage beschäftigt, ob unser Universum Zufall oder Maßarbeit ist. Sein Text macht deutlich, wie stark unser Denken dazu neigt, hinter auffälliger Passung sofort eine Absicht zu vermuten. Kosmologisch kann das zu philosophischen oder religiösen Deutungen führen, im Alltag oft direkt zu Verschwörungserzählungen. Der Mechanismus ist derselbe: Etwas erscheint erstaunlich gut passend, also scheint bloßer Zufall als Erklärung nicht mehr zu genügen.

Der angewandte Zweifel wirkt dem entgegen. Er verlangt nicht, auf Staunen oder Deutung ganz zu verzichten. Er fragt nur, wie viel davon tatsächlich durch Beobachtung gedeckt ist und wo die Mustererkennung beginnt, mehr in die Welt hineinzulesen, als sich aus den Daten ergibt. Verschwörungserzählungen sind keine exotischen Denkstörungen, sondern Zuspitzungen ganz normaler menschlicher Mechanismen.


Fehlschluss der Woche: Post hoc ergo propter hoc

Der Fehlschluss dieser Folge heißt post hoc ergo propter hoc – danach, also deswegen. Gemeint ist der Irrtum, aus einer zeitlichen Abfolge direkt einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang zu machen. Erst passiert A, dann passiert B, also müsse A die Ursache von B sein.

Dieses Muster taucht immer wieder in Verschwörungserzählungen auf. Am Himmel sind Streifen zu sehen, kurz darauf ändert sich das Wetter, also sollen die Streifen die Ursache gewesen sein. Jemand nimmt ein Mittel ein und fühlt sich später besser, also war das Mittel angeblich wirksam. Die zeitliche Reihenfolge wirkt überzeugend, ersetzt aber keine Kausalitätsprüfung.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Chemtrail-Erzählungen funktionieren über wiederkehrende rhetorische Muster, nicht über belastbare Belege.
  • Kritik wird in solchen Systemen immer zur Bestätigung umgedeutet.
  • Zufall ist für viele Menschen schwer auszuhalten, weil er Kontrolle und Sinn bedroht.
  • Auffällige Muster führen schnell zur Vermutung von Absicht und Steuerung.
  • Der Fehlschluss post hoc ergo propter hoc gehört zu den häufigsten Denkfehlern im Alltag.

Diese Folge zeigt, dass Verschwörungen oft dort beginnen, wo Zufall nicht mehr erlaubt ist. Sobald jedes auffällige Ereignis einen Plan haben muss, wird aus Beobachtung sehr schnell eine große Erzählung.

WH20 Verschwörung

Do, 26.03.2026

Im Kapitel „Verschwörung“ aus Ware Hoffnung trifft Ricardo Torres auf einem Flug nach Edinburgh auf einen Mann, für den nichts einfach nur geschieht. Aus einem Gespräch über Umwelt und Technik entwickelt sich Schritt für Schritt ein geschlossenes Weltbild, in dem Zufall keinen Platz mehr hat.

Diese Folge nimmt genau diesen Gedanken auseinander. Ausgangspunkt ist die Chemtrail-Erzählung, aber es geht um mehr als nur um ein bekanntes Verschwörungsthema. Spannend ist vor allem, wie solche Erklärungen aufgebaut sind. Welche rhetorischen Muster tauchen immer wieder auf? Wie wirken Fachbegriffe, Autoritäten und angebliche Beweise? Und was passiert, wenn der Satz „Das kann kein Zufall sein“ zur Grundhaltung wird?

Von dort führt die Folge tiefer. Es geht um Zufall in der Natur, um unsere Schwierigkeiten, ihn auszuhalten, um Synchronizität, motiviertes Denken und die Frage, warum widersprechende Informationen oft nicht zum Umdenken führen, sondern ein Weltbild sogar noch stabilisieren.

Eine Folge über Chemtrails, aber vor allem über etwas viel Grundsätzlicheres: unseren Drang, Muster zu sehen, Sinn zu suchen und aus Unsicherheit Gewissheit zu machen.

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Die nutzlose Jury – Wie Steorn Wissenschaft spielte. TL;DR zu Folge WH19 „Urteil“

Do, 19.03.2026

Folge 19 führt uns noch einmal zurück zu Steorn, diesmal geht es um die angebliche wissenschaftliche Prüfung mit tiefen Einblicken in die Expertenjury, die den behaupteten Energieüberschuss des Magnetmotors untersuchen sollte. Die Ausgangslage: Eine Firma kündigt eine revolutionäre Technologie an, stellt eine hochkarätige Jury zusammen und erzeugt damit den Eindruck maximaler Transparenz und Seriosität. Dieser Eindruck zerfällt dann Stück für Stück.

Auch im Roman geht es um die Geschichte der Jury, hier bei Angus McKenna und seiner Firma Stiúir. Das Romankapitel ist nah an der realen Vorlage gehalten und begleitet Dr. Arthur Butterfield nach Edinburgh.

Die fiktionale ebenso wie die echte Jury bekam nie das, was sie eigentlich prüfen sollte. Statt eines funktionierenden Geräts wurden immer neue Verzögerungen, Ausreden und Ersatzvorführungen präsentiert. Ein angekündigter Motor kam nicht rechtzeitig an, andere Apparaturen liefen nicht, Termine platzten, und statt klarer Messungen wurde den Fachleuten schließlich ein improvisierter Versuchsaufbau mit angeblich interessanten magnetischen Effekten gezeigt. Auch dort lagen die Messwerte laut Jury unterhalb des experimentellen Rauschens. Der behauptete Überschuss wurde nie nachgewiesen. Damit wird aus der Jury statt einer Prüfinstanz ein Dekorationselement für Glaubwürdigkeit.

Der Obmann der Steorn-Jury, Dr. Ian MacDonald, erzählt von seinen Erinnerungen. Dabei entsteht ein Bild, das weit mehr erklärt als nur die technische Seite. Die Jury bestand aus qualifizierten Leuten mit sehr unterschiedlichen Haltungen: einige lehnten die Idee von Anfang an ab, andere waren offen, manche sogar überzeugt. Diese Mischung zeigt, dass außergewöhnliche Behauptungen bei Fachleuten nicht automatisch zu scharfer Ablehnung führen. Viele wollten erst einmal verstehen, was da vor ihnen liegt. Sie gingen also nicht auf Betrugssuche, sondern suchten nach einer technischen oder physikalischen Erklärung. Das ist wissenschaftlich ehrenhaft, macht aber auch anfällig für Zeitspiel, Nebelkerzen und Inszenierung.

Es entsteht der Eindruck, dass Steorn die Jury nie als Kontrollinstanz eingeplant hatte. Wäre es um echte Prüfung gegangen, hätte man der Jury ein Gerät gegeben, das funktioniert oder eben scheitert. Stattdessen wurden die Mitglieder hingehalten, bewirtet, herumgeführt und mit immer neuen Ankündigungen vertröstet. Selbst die berühmte Kinetica-Demonstration in London, die öffentlich als großer Moment angekündigt wurde, lief völlig an der Jury vorbei. Das ergibt nur dann Sinn, wenn die Jury vor allem als wissenschaftliche Kulisse dienen sollte.

Psychologisch interessant ist neben Sean McCarthys Verhalten auch, wie ein ganzes Team so lange mitziehen konnte, ohne dass etwas nach außen drang. Daraus entwickelt sich der zweite Schwerpunkt: Team Error. Gemeint ist kein einzelner Fehlschluss, sondern ein ganzes System sozialer und organisatorischer Fehlentwicklungen. In Teams können sich Irrtümer stabilisieren, statt korrigiert zu werden. Kompetenz auf einem Gebiet strahlt auf andere Bereiche aus, Autoritäten werden nicht hinterfragt, Harmonie wird wichtiger als Widerspruch, Verantwortung zerfließt im Kollektiv. Im Fall Steorn könnte genau das passiert sein: Sean McCarthy als charismatische Lichtgestalt, Beschäftigte und Beteiligte im gemeinsamen Hoffnungsmodus, niemand, der den entscheidenden Bruch vollzieht und sagt, dass hier vielleicht gar kein reales Gerät existiert.

Die Folge zeigt, dass angewandter Zweifel mehr braucht als nur Faktenprüfung. Wenn eine Gruppe gemeinsam hoffen will, wenn Hierarchien funktionieren und wenn Widerspruch sozial teuer ist, dann reichen einzelne richtige Einwände oft nicht aus. Dann braucht es Strukturen, die Zweifel ausdrücklich erlauben, Widerspruch belohnen und Verantwortlichkeiten klar machen. Sonst kann ein ganzes Team einen kollektiven Irrtum für Realität halten.


Fehlschluss der Woche: Team Error

Heut gibt es mehr als einen einzelnen klassischen Fehlschluss, nämlich ein Bündel gruppendynamischer Fehlmechanismen. Dazu gehören Halo-Effekt, Autoritätshörigkeit, Groupthink, Verantwortungsdiffusion und ähnliche Muster. Gemeinsam erzeugen sie eine Situation, in der Teams Fehler nicht mehr korrigieren, sondern verstärken. Das ist besonders gefährlich, weil der kollektive Irrtum dann wie zusätzliche Bestätigung wirkt. Wenn viele mitmachen, fühlt sich die Sache plausibler an, selbst wenn die Belege fehlen.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Die Steorn-Jury bekam nie ein funktionierendes Gerät zur Prüfung.
  • Die Jury diente vor allem als Kulisse für wissenschaftliche Glaubwürdigkeit.
  • Fachleute suchen oft zuerst nach einer plausiblen Erklärung, nicht nach Täuschung.
  • In Teams können Irrtümer durch Hierarchie, Harmonie und diffuse Verantwortung stabil werden.
  • Angewandter Zweifel muss deshalb auch Gruppenprozesse prüfen, nicht nur Behauptungen.

Diese Folge zeigt, wie Wissenschaftlichkeit imitiert werden kann, ohne dass Wissenschaft tatsächlich stattfinden darf. Das Scheitern liegt dann nicht nur im Gerät, sondern im ganzen Arrangement.

WH19 Urteil

Do, 19.03.2026

2006 schaltet die irische Firma Steorn eine Anzeige im Magazin The Economist. Die Behauptung: Eine neue Technologie könne Energie ohne Ende erzeugen. Um Zweifel auszuräumen, lädt das Unternehmen eine internationale Jury aus Wissenschaftlern und Ingenieuren ein, die das System unabhängig prüfen soll. In dieser Folge geht es um genau diese Jury.

Am Anfang steht ein kurzer Blick in das Kapitel „Urteil“ aus dem Roman Ware Hoffnung. Dort begleitet der Leser eine Gruppe von Experten nach Edinburgh, die prüfen sollen, ob an der spektakulären Behauptung etwas dran ist.

Anschließend rückt die reale Geschichte in den Mittelpunkt. Ich stelle Dr. Ian MacDonald vor, den Vorsitzenden der tatsächlichen Steorn-Jury. Nach Ablauf der Geheimhaltungsfrist sprach er erstmals ausführlicher über die Arbeit der Kommission. Seine Antworten geben einen seltenen Einblick in den Ablauf der Evaluation: Was der Jury tatsächlich gezeigt wurde, welche Versprechen gemacht wurden – und warum die Prüfung schließlich in einem einzigen knappen Satz endete.

Dabei zeigt sich ein Muster, das auch ohne tiefes technisches Wissen erkennbar ist. Versprechen, Verzögerungen, Demonstrationen, die nie wirklich überzeugen, und ein Projekt, das trotzdem immer weiterläuft.

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