Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Podcast

WH17 Überzeugung

Do, 05.03.2026  >   2 Kommentare

Überzeugung fühlt sich gut an. Sie gibt Orientierung, Sinn und das Gefühl, zu denjenigen zu gehören, die „verstanden haben, was wirklich los ist“. Genau deshalb können starke Geschichten manchmal überzeugender wirken als gute Belege.

Die Romanfigur Matthias Huber analysiert Bilder, sucht Muster und ist überzeugt, einer großen Wahrheit auf der Spur zu sein. Seine Denkweise ist kein exotischer Sonderfall. Sie zeigt Mechanismen, die in uns allen wirken.

Von dort führt der Weg zu einem der erfolgreichsten Autoren pseudowissenschaftlicher Literatur: Erich von Däniken. Seine Bücher über Astronautengötter haben weltweit Millionen Leser gefunden. Warum üben solche Ideen eine so große Faszination aus?

Ein Bericht über einen echten von-Däniken-Vortrag liefert die Antwort. Hunderte Zuhörer erleben dort eine beeindruckende Kaskade aus historischen Orten, religiösen Texten, geometrischen Mustern und wissenschaftlich klingenden Begriffen. Jede einzelne Behauptung wirkt wie eine interessante Anekdote. Erst die Wucht der Menge erzeugt das Gefühl, eine große Wahrheit entdeckt zu haben.

Doch genau hier lohnt sich ein genauerer Blick. Welche rhetorischen Techniken kommen zum Einsatz? Warum geraten Wissenschaftler in ein Dilemma, wenn sie auf solche Behauptungen reagieren? Und weshalb ist es manchmal schwerer, Unsinn zu widerlegen, als ihn zu behaupten?

Zum Schluss zeigt die Folge, wie spielerisch angewandter Zweifel funktionieren kann. Kritisches Denken muss kein trockener Korrekturmechanismus sein. Es kann genauso Neugier, Staunen und Entdeckerlust wecken.

Oder anders gesagt: Gute Fragen können spannender sein als schnelle Antworten.

Episodenbild: Blender-Nachbau des Buchcovers The Spaceships of Ezekiel, Josef F. Blumrich, von @Impertinenzija@mastodon.social

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WH13 Geheimnis

Do, 05.02.2026

Heute geht es um ein irisches Start-up, das Mitte der 2000er Jahre freie Energie versprach und weltweite Aufmerksamkeit erlangte. Die Geschichte dient als reales Fallbeispiel für das Zusammenspiel aus Technik, Hoffnung, Gruppendynamik und Kommunikation.

Ausgangspunkt ist ein kurzer Exkurs zur Geschichte des Magnetmotors, ergänzt durch einen historischen Wochenschau-Beitrag. Anhand typischer Marker wird gezeigt, wie technische Versprechen inszeniert werden und warum sie überzeugend wirken. Diese Muster tauchen später bei Steorn erneut auf.

Im Zentrum der Folge steht die Chronologie von Steorn, basierend auf Barry J. Whytes Buch The Impossible Dream, ergänzt durch eigene Erlebnisse aus Foren, Diskussionen und direkten Gesprächen. Vom wirtschaftlichen Aufbruch des Celtic Tiger über die berühmte Economist-Anzeige bis zum Jury-Statement wird deutlich, wie sich Irrtum, Selbstüberschätzung, Druck und Eskalation gegenseitig verstärken können.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Konzept des angewandten Zweifels. Statt pauschaler Skepsis geht es um einen praktischen Werkzeugkasten aus Logik, Psychologie, Rhetorik und Technik. Ziel ist eine heuristische Einschätzung, die mit Wiedervorlage arbeitet und Komplexität zulässt.

Als Fehlschluss der Woche wird Namedropping behandelt. Prominente Namen erzeugen Vertrauen, ersetzen jedoch keine Evidenz. Die Folge zeigt, wie dieses Muster bei Steorn funktioniert und warum es so wirksam ist.

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Mustererkennung außer Kontrolle: Apophänie und Pareidolie

Mo, 31.07.2023

In meinem ersten Kinderzimmer war die Wand gegenüber meinem Bett mit einer Rennauto-Tapete beklebt. Wenn es dunkel wurde, erwachte die Tapete zum Leben, bekam Augen, Münder, teils gefährlich dreinblickende Fratzen. Über die bedrohlichsten Stellen habe ich dann selbstgemalte Bilder gehängt. Aber die Angst vor den Tapetenmonstern ging nicht weg.

Unsere frühen Vorfahren hatten einen evolutionären  Vorteil, wenn sie selbst dort Gefahren sahen, wo objektiv keine vorhanden waren. Vielleicht gab es auch Individuen, die etwas skeptischer waren und zunächst genau untersuchen wollten, ob der Schatten im Gebüsch ein Felsen oder ein Raubtier ist. Von denen stammen wir höchstwahrscheinlich nicht ab.

Unser Gehirn ist eine Bedeutungssuchmaschine. Ständig versuchen wir, Sinn und Zusammenhänge in all den sensorischen Eindrücken zu erkennen, die auf uns einprasseln. Das kann harmlos und schön sein, wie die nette Beschäftigung, im Gras liegend Figuren in Wolkenformationen zu erkennen. Aber eine übermotivierte Mustererkennung kann auch Ängste auslösen, Fehlentscheidungen triggern oder zur Entstehung von Verschwörungstheorien beitragen.

Der allgemeine Fachbegriff für das Phänomen, dort Muster zu erkennen, wo es keine oder nur zufällige Zusammenhänge gibt, ist Apophänie. Dabei geht es nicht nur um optische Eindrücke. Wir neigen dazu, etwa in Zahlenreihen bestimmte Muster zu suchen und zu erkennen oder völlig unzusammenhängende Ereignisse mit einer Bedeutung aufzuladen. Diesen Wahrnehmungen können wir uns nicht vollständig entziehen. Wissen wir aber darüber Bescheid, hilft uns das, die Ergebnisse besser zu bewerten und Zufall als solchen zu erkennen.

Die Pareidolie dagegen lässt sich sogar willentlich steuern. Wir können einen scheinbar unförmigen Fleck auf der Straße so lange anschauen, bis unsere Fantasie daraus ein Geschöpf entstehen lässt. Die Künstlerin krajamine (@krajamine@norden.social auf Mastodon) zeigt das eindrucksvoll in ihren Werken unter dem Hashtag #pareidoodle:

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