Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Podcast

Warum Verschwörungen so gut funktionieren – und warum der Zufall es so schwer hat. TL;DR zu Folge WH20 „Verschwörung“

Do, 26.03.2026

Das Romankapitel „Verschwörung“ beginnt mit einer Szene, in der Ricardo im Flugzeug auf dem Weg nach Edinburgh neben einem Verleger sitzt, der in allem ein Muster erkennt: freie Energie, Chemtrails, Unterdrückung, Kontrolle. Für ihn hängt das alles zusammen. Darum geht es in dieser Folge, wobei weniger die einzelnen Behauptungen interessant sind als vielmehr die Denkweise dahinter.

Chemtrails dienen dabei als Beispiel. Die konkrete Behauptung ist schon vielfach widerlegt worden, spannend ist hier etwas anderes: die Struktur der Erzählung. Am Anfang steht eine reale Beobachtung, etwa Kondensstreifen am Himmel. Danach folgt jedoch keine offene Untersuchung, sondern sofort eine Deutung. Aus „das sieht ungewöhnlich aus“ wird „das kann nicht normal sein“. Damit steht die Richtung schon fest, noch bevor überhaupt geprüft wurde, welche Erklärungen sonst in Frage kommen.

Dann folgen die bekannten Muster. Es werden wissenschaftlich klingende Begriffe und technische Details eingeführt, die Präzision suggerieren, ohne überprüfbar zu sein. Autoritäten wie Piloten, Ärzte oder angebliche Insider werden zitiert, auch wenn ihre Aussagen oft nicht sauber belegt sind. Kritik wird nie als Korrektiv verstanden, sondern immer in das bestehende Weltbild eingebaut: Wenn Medien oder Behörden widersprechen, beweist das die Vertuschung. Wenn sie schweigen, bestätigt auch das die Theorie. So entsteht ein geschlossenes System, das jede Gegenrede in Bestätigung umwandeln kann.

Damit handelt es sich hier um ein ideales Thema für den angewandten Zweifel. Man muss nicht jede einzelne Chemtrail-Behauptung chemisch oder meteorologisch widerlegen. Viel aufschlussreicher ist die Metaebene: Woher kommen die gezeigten Informationen, wer spricht da eigentlich, wie wird mit Einwänden umgegangen, welche rhetorischen Bausteine tauchen immer wieder auf? Die Folge zeigt, dass sich Verschwörungserzählungen in ihrer Struktur kaum von pseudowissenschaftlichen Geschichten unterscheiden. Auch hier geht es um Inszenierung, um scheinbare Präzision, um exklusive Deutungshoheit und um die Immunisierung gegen Widerspruch.

Das führt uns zu einem größeren Thema: den Zufall. Viele Verschwörungserzählungen leben davon, dass Zufall als Erklärung gar nicht mehr zugelassen wird. Sätze wie „Das kann kein Zufall sein“ markieren genau diesen Punkt. Sobald Zufall ausgeschlossen wird, braucht jedes Ereignis eine Absicht, einen Plan, einen Akteur. Dann verwandeln sich auffällige Muster sofort in Hinweise auf Steuerung.

Einerseits gibt es das Bedürfnis nach einer geordneten, berechenbaren Welt, wie es schon in Laplaces Vorstellung eines vollständig vorhersagbaren Universums angelegt ist. Andererseits zeigen Chaostheorie und Quantenphysik, dass vollständige Vorhersagbarkeit eine Illusion bleibt. Selbst in einer regelhaften Welt gibt es offene Fragen, Unsicherheit und echte Ungewissheit. Das macht Zufall für viele Menschen so unangenehm. Er stört das Bedürfnis nach Sinn, Kontrolle und Vorhersagbarkeit.

Heinz Oberhummer hat sich in seinem Buch „Kann das alles Zufall sein?“ mit der Frage beschäftigt, ob unser Universum Zufall oder Maßarbeit ist. Sein Text macht deutlich, wie stark unser Denken dazu neigt, hinter auffälliger Passung sofort eine Absicht zu vermuten. Kosmologisch kann das zu philosophischen oder religiösen Deutungen führen, im Alltag oft direkt zu Verschwörungserzählungen. Der Mechanismus ist derselbe: Etwas erscheint erstaunlich gut passend, also scheint bloßer Zufall als Erklärung nicht mehr zu genügen.

Der angewandte Zweifel wirkt dem entgegen. Er verlangt nicht, auf Staunen oder Deutung ganz zu verzichten. Er fragt nur, wie viel davon tatsächlich durch Beobachtung gedeckt ist und wo die Mustererkennung beginnt, mehr in die Welt hineinzulesen, als sich aus den Daten ergibt. Verschwörungserzählungen sind keine exotischen Denkstörungen, sondern Zuspitzungen ganz normaler menschlicher Mechanismen.


Fehlschluss der Woche: Post hoc ergo propter hoc

Der Fehlschluss dieser Folge heißt post hoc ergo propter hoc – danach, also deswegen. Gemeint ist der Irrtum, aus einer zeitlichen Abfolge direkt einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang zu machen. Erst passiert A, dann passiert B, also müsse A die Ursache von B sein.

Dieses Muster taucht immer wieder in Verschwörungserzählungen auf. Am Himmel sind Streifen zu sehen, kurz darauf ändert sich das Wetter, also sollen die Streifen die Ursache gewesen sein. Jemand nimmt ein Mittel ein und fühlt sich später besser, also war das Mittel angeblich wirksam. Die zeitliche Reihenfolge wirkt überzeugend, ersetzt aber keine Kausalitätsprüfung.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Chemtrail-Erzählungen funktionieren über wiederkehrende rhetorische Muster, nicht über belastbare Belege.
  • Kritik wird in solchen Systemen immer zur Bestätigung umgedeutet.
  • Zufall ist für viele Menschen schwer auszuhalten, weil er Kontrolle und Sinn bedroht.
  • Auffällige Muster führen schnell zur Vermutung von Absicht und Steuerung.
  • Der Fehlschluss post hoc ergo propter hoc gehört zu den häufigsten Denkfehlern im Alltag.

Diese Folge zeigt, dass Verschwörungen oft dort beginnen, wo Zufall nicht mehr erlaubt ist. Sobald jedes auffällige Ereignis einen Plan haben muss, wird aus Beobachtung sehr schnell eine große Erzählung.

WH20 Verschwörung

Do, 26.03.2026

Im Kapitel „Verschwörung“ aus Ware Hoffnung trifft Ricardo Torres auf einem Flug nach Edinburgh auf einen Mann, für den nichts einfach nur geschieht. Aus einem Gespräch über Umwelt und Technik entwickelt sich Schritt für Schritt ein geschlossenes Weltbild, in dem Zufall keinen Platz mehr hat.

Diese Folge nimmt genau diesen Gedanken auseinander. Ausgangspunkt ist die Chemtrail-Erzählung, aber es geht um mehr als nur um ein bekanntes Verschwörungsthema. Spannend ist vor allem, wie solche Erklärungen aufgebaut sind. Welche rhetorischen Muster tauchen immer wieder auf? Wie wirken Fachbegriffe, Autoritäten und angebliche Beweise? Und was passiert, wenn der Satz „Das kann kein Zufall sein“ zur Grundhaltung wird?

Von dort führt die Folge tiefer. Es geht um Zufall in der Natur, um unsere Schwierigkeiten, ihn auszuhalten, um Synchronizität, motiviertes Denken und die Frage, warum widersprechende Informationen oft nicht zum Umdenken führen, sondern ein Weltbild sogar noch stabilisieren.

Eine Folge über Chemtrails, aber vor allem über etwas viel Grundsätzlicheres: unseren Drang, Muster zu sehen, Sinn zu suchen und aus Unsicherheit Gewissheit zu machen.

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Erich von Däniken und die Macht der Lücke – Warum gute Geschichten oft stärker wirken als Forschung. TL;DR zu Folge WH17 „Überzeugung“

Do, 05.03.2026

Folge 17 kreist um ein Thema, das weit über schiefe Außenseiterfiguren hinausgeht: Überzeugung. Im Hintergrund steht im Roman Matthias Huber, der sich als Teil einer Wahrheitsbewegung erlebt, Chemtrails dokumentiert und an einem Wunderkraftwerk festhält, obwohl daran nichts funktioniert. Er erscheint nicht als exotischer Einzelfall, sondern als zugespitzte Version eines sehr menschlichen Musters: der Wunsch nach Klarheit, Zugehörigkeit, Bedeutung und dem Gefühl, über ein besonderes Wissen zu verfügen.

Von dort führt die Folge zu Erich von Däniken, der dieses Bedürfnis über Jahrzehnte bedient hat wie kaum ein anderer. Seine Prä-Astronautik erzählt die Vergangenheit als großes Geheimnis neu: Götter werden zu Außerirdischen, alte Texte zu Raumfahrtberichten, Bauwerke zu Spuren fremder Besucher. Die Attraktivität dieser Erzählung liegt nicht nur in ihrer Exotik. Sie liefert Staunen, Wiederverzauberung der Welt und das Gefühl, hinter die offizielle Fassade blicken zu können. Wer sich darauf einlässt, gehört zur wissenden Minderheit und darf glauben, dass die etablierte Wissenschaft blind für das Offensichtliche ist.

Weiterhin zeigt die Folge, dass von Däniken gerade keine Forschung betrieb. Während wissenschaftliche Arbeit mit Beobachtung, Datensammlung, Hypothesenbildung, Prüfung und Widerlegbarkeit beginnt, funktioniert seine Methode umgekehrt. Er nimmt einzelne Bilder, Texte oder Bauwerke, baut daraus Szenarien mit Formulierungen wie „Stellen wir uns vor“ oder „Nehmen wir an“ und erzeugt so eine Erzählung, die plausibel klingt, ohne methodisch belastbar zu sein. Wenn Einwände kamen, zog er sich oft zurück und behauptete, nichts fest behauptet zu haben. Es könne ja nur so gewesen sein. So bleibt die Geschichte beweglich und schwer angreifbar.

Besonders aufschlussreich ist dabei die Analyse seiner rhetorischen Technik. Von Däniken häufte Indizien an, sprang schnell von Bild zu Bild, verband historische Orte, religiöse Texte, große Namen und astronomische Begriffe zu einem dichten Gesamtgefühl. Jede einzelne Behauptung wäre für sich genommen oft schwach oder leicht überprüfbar. In der Masse entsteht jedoch ein Sog. Das Publikum bekommt nicht einen Beweis, sondern ein Weltbild angeboten. Und dieses Weltbild wirkt umso stärker, weil es eine vertraute Struktur hat: Es ist im Kern moderne Mythologie mit Raumfahrtsymbolik.

Damit folgt die Prä-Astronautik dem Muster des „Gottes der Lücke“. Wo Wissen fehlt oder historische Prozesse kompliziert erscheinen, wird die Lücke mit einer bevorzugten Erklärung gefüllt. Früher war es Gott, hier sind es Außerirdische. Die Frage, ob damit wirklich etwas erklärt wird, tritt in den Hintergrund. Wichtig ist nur, dass die Leerstelle verschwindet und das Bedürfnis nach Ordnung befriedigt wird. Auf diese Weise werden ungelöste Fragen nicht offen gehalten, sondern sofort mythisch besetzt.

Ein weiterer Gedanke der Folge ist die Frage, warum Wissenschaft solchen Erzählungen oft so wenig entgegensetzen kann. Der Grund liegt nicht in Schwäche oder Gleichgültigkeit, sondern in der Asymmetrie des Aufwands. Eine spektakuläre Behauptung ist schnell aufgestellt. Ihre saubere Widerlegung braucht Zeit, Fachwissen und Quellenarbeit. Dazu kommt, dass nüchterne Korrekturen selten dieselbe Aufmerksamkeit bekommen wie sensationelle Geschichten. Wer widerspricht, verstärkt oft noch die Sichtbarkeit der ursprünglichen Behauptung. Schweigen wiederum wirkt wie Zustimmung. Dadurch können pseudowissenschaftliche Narrative lange überleben.

Am Ende führt die Folge wieder zu einer konstruktiven Frage zurück: Wie kann kritisches Denken emotional konkurrenzfähig werden? Wenn Mythen mit Staunen, Zugehörigkeit, Exklusivität und Spannung arbeiten, dann reicht es nicht, nur trockene Fakten dagegenzustellen. Die Alternative müsste dieselben menschlichen Bedürfnisse aufgreifen, aber in eine andere Richtung lenken: als gemeinsame Spurensuche, als Detektivgeschichte, als spielerisches Prüfen statt bloßes Belehren. Kritisches Denken wäre dann kein kalter Gegenentwurf zum Mythos, sondern selbst eine Form spannender Welterkundung.


Fehlschluss der Woche: Argumentum ad ignorantiam

Der Fehlschluss der Folge heißt Argumentum ad ignorantiam, also das Argument aus Unwissenheit. Gemeint ist das Muster, eine Behauptung für wahr zu halten, weil sie nicht widerlegt wurde, oder eine andere Erklärung nur deshalb abzulehnen, weil sie noch unvollständig ist. Eine Lücke im Wissen wird dabei direkt mit einer beliebigen Wunsch-Erklärung gefüllt. Genau das passiert bei von Däniken ständig: Wenn unklar ist, wie etwas im Altertum entstanden ist oder wenn eine Erklärung kompliziert erscheint, treten sofort Außerirdische auf den Plan. Die offene Frage wird damit nicht beantwortet, sondern nur erzählerisch besetzt.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Überzeugung entsteht oft aus dem Bedürfnis nach Klarheit, Bedeutung und Zugehörigkeit.
  • Erich von Däniken liefert keine Forschung, sondern eine wissenschaftlich klingende Mythenerzählung.
  • Prä-Astronautik funktioniert über Lückenfüllung, Inszenierung und das Gefühl exklusiven Geheimwissens.
  • Wissenschaftliche Widerlegung ist aufwendig und medial meist schwächer als die Sensation.
  • Kritisches Denken muss attraktiver, spielerischer und emotional anschlussfähiger werden, wenn es mit solchen Erzählungen konkurrieren soll.

Diese Folge zeigt, dass Pseudowissenschaft selten nur aus falschen Behauptungen besteht. Meist liefert sie etwas, das Menschen dringend haben wollen: Orientierung, Staunen und eine Geschichte, in der alles zusammenpasst.

WH17 Überzeugung

Do, 05.03.2026  >   2 Kommentare

Überzeugung fühlt sich gut an. Sie gibt Orientierung, Sinn und das Gefühl, zu denjenigen zu gehören, die „verstanden haben, was wirklich los ist“. Genau deshalb können starke Geschichten manchmal überzeugender wirken als gute Belege.

Die Romanfigur Matthias Huber analysiert Bilder, sucht Muster und ist überzeugt, einer großen Wahrheit auf der Spur zu sein. Seine Denkweise ist kein exotischer Sonderfall. Sie zeigt Mechanismen, die in uns allen wirken.

Von dort führt der Weg zu einem der erfolgreichsten Autoren pseudowissenschaftlicher Literatur: Erich von Däniken. Seine Bücher über Astronautengötter haben weltweit Millionen Leser gefunden. Warum üben solche Ideen eine so große Faszination aus?

Ein Bericht über einen echten von-Däniken-Vortrag liefert die Antwort. Hunderte Zuhörer erleben dort eine beeindruckende Kaskade aus historischen Orten, religiösen Texten, geometrischen Mustern und wissenschaftlich klingenden Begriffen. Jede einzelne Behauptung wirkt wie eine interessante Anekdote. Erst die Wucht der Menge erzeugt das Gefühl, eine große Wahrheit entdeckt zu haben.

Doch genau hier lohnt sich ein genauerer Blick. Welche rhetorischen Techniken kommen zum Einsatz? Warum geraten Wissenschaftler in ein Dilemma, wenn sie auf solche Behauptungen reagieren? Und weshalb ist es manchmal schwerer, Unsinn zu widerlegen, als ihn zu behaupten?

Zum Schluss zeigt die Folge, wie spielerisch angewandter Zweifel funktionieren kann. Kritisches Denken muss kein trockener Korrekturmechanismus sein. Es kann genauso Neugier, Staunen und Entdeckerlust wecken.

Oder anders gesagt: Gute Fragen können spannender sein als schnelle Antworten.

Episodenbild: Blender-Nachbau des Buchcovers The Spaceships of Ezekiel, Josef F. Blumrich, von @Impertinenzija@mastodon.social

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Das große Geheimnis – Wie eine Idee zur Bewegung wurde, ohne je zu funktionieren. TL;DR zu Folge WH13 „Geheimnis“

Do, 05.02.2026

Ein leeres Versprechen, eine perfekt inszenierte Erwartung und eine Geschichte, die sich von selbst weitererzählt. Das Kapitel „Geheimnis“ im Roman zeigt sehr präzise, wie eine technische Behauptung überhaupt erst zur Sensation wird. Angus McKenna muss an dieser Stelle noch nichts beweisen. Es reicht, eine Bühne zu schaffen, auf der andere ihre Erwartungen, Hoffnungen und Fantasien entfalten können. Die Anzeige, der Countdown, der Livestream, das Museumsambiente und die große Geste der angekündigten Revolution erzeugen eine Atmosphäre, in der das eigentliche Produkt fast zweitrangig wird. Entscheidend ist die Erzählung.

Der Rotor steht still, und trotzdem läuft die Geschichte weiter. Die Spannung entsteht nicht aus einer funktionierenden Maschine, sondern aus der perfekten Vorbereitung eines Wunders. McKenna versteht, dass Öffentlichkeit ein Verstärker ist. Sobald genug Menschen hinschauen, diskutieren und spekulieren, trägt sich die Inszenierung von selbst. Das Gerät im Glaskasten wird damit weniger zu einer Technologie als zu einem Projektionsschirm für Hoffnung, Größenfantasien und Sensationslust.

Die Geschichte von Angus McKenna beruht auf einem realen Fall: dem Magnetmotor der Firma Steorn.

Ein Magnetmotor wirkt auf den ersten Blick plausibel. Magnete ziehen sich an, stoßen sich ab, setzen Dinge in Bewegung. Die Vorstellung, daraus eine dauerhafte Energiequelle zu bauen, liegt nahe. Genau diese Plausibilität macht die Idee so anschlussfähig. Physikalisch ist die Sache eindeutig: Magnetfelder sind konservativ. Energie lässt sich darin speichern und wieder freisetzen, ein Überschuss entsteht nicht. Jede Konstruktion erreicht früher oder später ein Gleichgewicht. Bewegung klingt nach Energie, ersetzt aber keine Energiebilanz.

Trotzdem entstehen aus solchen Ideen immer wieder große Geschichten. Ein frühes Beispiel liefert Friedrich Lüling in den 1960er-Jahren. Seine Aussagen wirken präzise, technisch und visionär. Zahlen, Fachbegriffe und große Versprechen erzeugen ein Bild von Kompetenz. Gleichzeitig bleiben zentrale Fragen offen. Begriffe werden nicht erklärt, Zusammenhänge nicht belegt, Ergebnisse nicht überprüft. Diese Struktur taucht Jahrzehnte später erneut auf.

Die Firma Steorn aus Irland greift genau diese Idee auf und verpackt sie in eine moderne Inszenierung. Eine ganzseitige Anzeige, ein großes Versprechen, eine angebliche wissenschaftliche Prüfung durch eine Jury. Inhalt fehlt, Erwartung entsteht trotzdem. Medien greifen das Thema auf, Diskussionen beginnen, ein Forum bildet sich. Ohne belastbare Informationen beginnen Menschen, die Lücken zu füllen. Hypothesen entstehen, Modelle werden diskutiert, Zukunftsszenarien entworfen. Hoffnung und Skepsis stehen sich gegenüber, verstärken sich gegenseitig und halten die Geschichte am Leben.

Vorführungen verstärken diesen Effekt. Die erste Demonstration scheitert sichtbar. Technische Probleme liefern eine Erklärung, die Erwartung bleibt bestehen. Später folgen weitere Präsentationen, diesmal mit funktionierenden Aufbauten – und auffälligen Details wie sichtbaren Energiequellen, die nicht schlüssig erklärt werden. Es geht weniger um die Frage, ob das System funktioniert, sondern darum, wie es funktionieren könnte. Kritik führt zu neuen Erzählungen, Zweifel zu neuen Erklärungen. Die Geschichte passt sich an.

Ein wichtiger Punkt dieser Folge liegt in der Einordnung. Die Suche nach einer einfachen Erklärung liegt nahe. Betrug scheint offensichtlich. Gleichzeitig fehlen typische Merkmale: kein klares Geschäftsmodell, keine direkten Forderungen, keine eindeutige Gewinnstrategie. Die Situation wird komplexer.

Die Analyse durch Barry J. Whyte zeigt ein vielschichtiges Bild. Technologischer Optimismus, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, persönliche Überzeugungen, Gruppendynamik und kognitive Effekte greifen ineinander. Selbsttäuschung und Fremdtäuschung lassen sich kaum trennen.

Schnelle Urteile liefern Klarheit, greifen aber oft zu kurz. Mustererkennung führt zu plausiblen Erklärungen, die nicht zwingend vollständig sind. Der Wunsch nach eindeutigen Antworten erzeugt einfache Geschichten. Genau hier setzt angewandter Zweifel an. Er ersetzt Gewissheit durch Wiedervorlage. Beobachtungen bleiben vorläufig, neue Informationen führen zu Anpassungen. Überzeugungen verlieren ihren festen Status und werden zu Hypothesen.

Ein unscharfes Foto zeigt zunächst nur grobe Strukturen. Die Mustererkennung liefert eine erste Deutung. Mit zunehmender Auflösung verändert sich das Bild. Die ursprüngliche Interpretation kann sich bestätigen – oder als falsch herausstellen. Erkenntnis entsteht durch Anpassung, nicht durch Festhalten.

Diese Haltung verändert den Umgang mit solchen Fällen grundlegend. Weder Glaube noch pauschale Ablehnung liefern verlässliche Ergebnisse. Entscheidend bleibt die Bereitschaft, Modelle zu überprüfen und zu korrigieren.

Fehlschluss der Woche: Namedropping. Prominente Namen erzeugen Vertrauen.

Das Prinzip ist einfach: Bekannte Persönlichkeiten werden erwähnt, um Kompetenz, Nähe oder Bedeutung zu suggerieren. Die eigene Aussage gewinnt scheinbar an Gewicht, ohne dass sich ihr Inhalt verändert. Im Fall von Steorn zeigt sich das in Zitaten und Referenzen. Große Namen aus Wissenschaft und Geschichte schaffen einen Rahmen, in dem Kritik automatisch wie Widerstand gegen Fortschritt wirkt.

Der Effekt liegt in der Abkürzung. Autorität ersetzt Prüfung. Vertrauen entsteht schneller, Zweifel werden seltener formuliert. Die inhaltliche Qualität bleibt davon unberührt. Einordnung entsteht erst, wenn diese beiden Ebenen getrennt werden: Wer sagt etwas – und was wird tatsächlich gezeigt?


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Plausible Ideen können starke Erwartungen erzeugen, auch ohne belastbare Grundlage.
  • Inszenierung und Aufmerksamkeit treiben die Entwicklung solcher Geschichten.
  • Komplexe Fälle entstehen oft aus mehreren gleichzeitig wirkenden Faktoren.
  • Schnelle Urteile vereinfachen, erfassen aber selten das gesamte Bild.
  • Angewandter Zweifel bedeutet, Überzeugungen überprüfbar zu halten.

Diese Folge zeigt einen Wendepunkt. Nicht jede Täuschung folgt einem einfachen Plan. Und nicht jede Erklärung passt auf den ersten Blick. Erkenntnis entsteht dort, wo man bereit ist, das eigene Bild zu korrigieren.

WH13 Geheimnis

Do, 05.02.2026

Heute geht es um ein irisches Start-up, das Mitte der 2000er Jahre freie Energie versprach und weltweite Aufmerksamkeit erlangte. Die Geschichte dient als reales Fallbeispiel für das Zusammenspiel aus Technik, Hoffnung, Gruppendynamik und Kommunikation.

Ausgangspunkt ist ein kurzer Exkurs zur Geschichte des Magnetmotors, ergänzt durch einen historischen Wochenschau-Beitrag. Anhand typischer Marker wird gezeigt, wie technische Versprechen inszeniert werden und warum sie überzeugend wirken. Diese Muster tauchen später bei Steorn erneut auf.

Im Zentrum der Folge steht die Chronologie von Steorn, basierend auf Barry J. Whytes Buch The Impossible Dream, ergänzt durch eigene Erlebnisse aus Foren, Diskussionen und direkten Gesprächen. Vom wirtschaftlichen Aufbruch des Celtic Tiger über die berühmte Economist-Anzeige bis zum Jury-Statement wird deutlich, wie sich Irrtum, Selbstüberschätzung, Druck und Eskalation gegenseitig verstärken können.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Konzept des angewandten Zweifels. Statt pauschaler Skepsis geht es um einen praktischen Werkzeugkasten aus Logik, Psychologie, Rhetorik und Technik. Ziel ist eine heuristische Einschätzung, die mit Wiedervorlage arbeitet und Komplexität zulässt.

Als Fehlschluss der Woche wird Namedropping behandelt. Prominente Namen erzeugen Vertrauen, ersetzen jedoch keine Evidenz. Die Folge zeigt, wie dieses Muster bei Steorn funktioniert und warum es so wirksam ist.

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Mustererkennung außer Kontrolle: Apophänie und Pareidolie

Mo, 31.07.2023

In meinem ersten Kinderzimmer war die Wand gegenüber meinem Bett mit einer Rennauto-Tapete beklebt. Wenn es dunkel wurde, erwachte die Tapete zum Leben, bekam Augen, Münder, teils gefährlich dreinblickende Fratzen. Über die bedrohlichsten Stellen habe ich dann selbstgemalte Bilder gehängt. Aber die Angst vor den Tapetenmonstern ging nicht weg.

Unsere frühen Vorfahren hatten einen evolutionären  Vorteil, wenn sie selbst dort Gefahren sahen, wo objektiv keine vorhanden waren. Vielleicht gab es auch Individuen, die etwas skeptischer waren und zunächst genau untersuchen wollten, ob der Schatten im Gebüsch ein Felsen oder ein Raubtier ist. Von denen stammen wir höchstwahrscheinlich nicht ab.

Unser Gehirn ist eine Bedeutungssuchmaschine. Ständig versuchen wir, Sinn und Zusammenhänge in all den sensorischen Eindrücken zu erkennen, die auf uns einprasseln. Das kann harmlos und schön sein, wie die nette Beschäftigung, im Gras liegend Figuren in Wolkenformationen zu erkennen. Aber eine übermotivierte Mustererkennung kann auch Ängste auslösen, Fehlentscheidungen triggern oder zur Entstehung von Verschwörungstheorien beitragen.

Der allgemeine Fachbegriff für das Phänomen, dort Muster zu erkennen, wo es keine oder nur zufällige Zusammenhänge gibt, ist Apophänie. Dabei geht es nicht nur um optische Eindrücke. Wir neigen dazu, etwa in Zahlenreihen bestimmte Muster zu suchen und zu erkennen oder völlig unzusammenhängende Ereignisse mit einer Bedeutung aufzuladen. Diesen Wahrnehmungen können wir uns nicht vollständig entziehen. Wissen wir aber darüber Bescheid, hilft uns das, die Ergebnisse besser zu bewerten und Zufall als solchen zu erkennen.

Die Pareidolie dagegen lässt sich sogar willentlich steuern. Wir können einen scheinbar unförmigen Fleck auf der Straße so lange anschauen, bis unsere Fantasie daraus ein Geschöpf entstehen lässt. Die Künstlerin krajamine (@krajamine@norden.social auf Mastodon) zeigt das eindrucksvoll in ihren Werken unter dem Hashtag #pareidoodle:

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