Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Podcast

Werkzeuge statt Bauchgefühl – Wie man plausibel denkt, ohne alles zu wissen. TL;DR zu Folge WH12 „Werkzeug“

Do, 29.01.2026

Ein Gespräch in einer Bar, ein Stapel offener Fragen und das Gefühl, dass Wissen allein nicht ausreicht. Im Kapitel „Werkzeug“ wird klar, wo Ricardo steht: Er versteht immer mehr – und gleichzeitig immer weniger. Begriffe, Modelle, Technologien greifen ineinander, doch ein verlässlicher Maßstab fehlt.

Der erste Impuls ist vertraut: gesunder Menschenverstand. Etwas wirkt logisch, plausibel, offensichtlich. Diese Art von Sicherheit fühlt sich stabil an, trägt aber nur so weit, wie die eigene Erfahrung reicht. Was vertraut erscheint, hängt von Kontext, Wissen und Erwartung ab. Mit neuen Erkenntnissen verändert sich auch das, was als selbstverständlich gilt. Damit fehlt ein externer Maßstab.

Der gesunde Menschenverstand beschreibt ein Gefühl, keine Methode. Er kann Hinweise liefern, ersetzt aber keine Prüfung. In Diskussionen wird er häufig als rhetorisches Werkzeug eingesetzt, um Unsicherheit zu beenden. Aussagen wie „das sieht man doch“ oder „das ist doch logisch“ erzeugen Zustimmung, ohne eine Grundlage zu liefern.

Ragnar stellt dem ein anderes Werkzeug gegenüber: Ockhams Rasiermesser. Gemeint ist damit kein Entscheidungsautomat und keine Regel, die Wahrheit garantiert. Es handelt sich um eine Heuristik, eine Orientierungshilfe. Wenn mehrere Erklärungen möglich sind, lohnt sich ein Blick auf ihre Voraussetzungen. Wie viele zusätzliche Annahmen werden benötigt? Wie gut passen sie zum vorhandenen Wissen?

Der Kern liegt in der Ökonomie der Erklärung. Eine Theorie, die mit wenigen Annahmen auskommt und bekannte Zusammenhänge nutzt, hat zunächst einen Vorteil gegenüber einer, die zahlreiche neue Bedingungen einführt und bestehendes Wissen infrage stellt. Diese Präferenz bleibt vorläufig. Sie gilt so lange, bis belastbare Gründe für eine komplexere Erklärung vorliegen. Missverständnisse entstehen genau an dieser Stelle.

Ockhams Rasiermesser wird oft als „die einfachste Erklärung ist die beste“ verkürzt. Damit verschiebt sich der Sinn. Es geht nicht um Vereinfachung, sondern um Angemessenheit. Eine Erklärung darf so komplex sein, wie es die Daten erfordern – aber nicht komplexer. Ein ähnliches Problem zeigt sich bei anderen Abkürzungen wie „cui bono“. Der Nutzen wird als Ursache interpretiert, alternative Erklärungen verschwinden aus dem Blick. Aus einem Werkzeug wird eine Karikatur.

Wie sich solche Fehlanwendungen konkret auswirken, zeigt der Fall Stanley Meyer. Seine „Water Fuel Cell“ verspricht Energie aus Wasser. Die zugrunde liegende Idee wirkt zunächst vertraut: Wasser wird in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt, anschließend wieder zusammengeführt. Der entscheidende Unterschied liegt in der Behauptung eines Energieüberschusses.

Damit stehen zwei Erklärungen im Raum.

Die erste basiert auf bekannter Physik. Elektrolyse benötigt Energie, die bei der Reaktion teilweise wieder frei wird. Verluste sind unvermeidlich. Wasser dient als Energiespeicher, nicht als Quelle.

Die zweite Erklärung erfordert zusätzliche Annahmen. Neue Energieformen, bislang unbekannte Mechanismen, Abweichungen von gut bestätigten Naturgesetzen. Mit jeder Annahme wächst der Aufwand, das Gesamtbild konsistent zu halten.

Ockhams Rasiermesser liefert hier keine endgültige Entscheidung, aber eine Richtung. Solange keine belastbaren Daten für die komplexere Erklärung vorliegen, bleibt die einfachere die plausiblere. Diese Vorgehensweise schließt neue Erkenntnisse nicht aus. Sie verlangt lediglich, dass sie begründet werden.

Der Fall zeigt zugleich, wie stark Inszenierung wirken kann. Vorführungen, Patente, mediale Aufmerksamkeit und die Geschichte eines genialen Erfinders erzeugen ein Bild, das sich schwer hinterfragen lässt. Hinzu kommt Hoffnung – die Aussicht auf eine Lösung für ein globales Problem. Diese Kombination verstärkt die Bereitschaft, Unstimmigkeiten zu übersehen.

Ein weiterer Mechanismus tritt hinzu: falsche Ausgewogenheit. Unterschiedlich gut belegte Positionen erscheinen gleichwertig, weil sie nebeneinandergestellt werden. Eine wissenschaftliche Einschätzung steht neben einer unbelegten Behauptung, beide erhalten denselben Raum. Damit verschiebt sich die Wahrnehmung von Qualität.

Am Ende bleibt ein Werkzeug, kein Urteil.

Heuristiken wie Ockhams Rasiermesser liefern Orientierung in Situationen, in denen vollständiges Wissen fehlt. Sie ersetzen keine Daten, keine Experimente und keine Theorie. Sie helfen dabei, den nächsten Schritt sinnvoll zu wählen.

Der Fehlschluss der Woche ist die „Texas Sharpshooter Fallacy„: Daten werden gesammelt, anschließend wird ein Muster ausgewählt – und erst danach wird festgelegt, was eigentlich gezeigt werden sollte. Der Name stammt aus einem Bild: Ein Schütze feuert wahllos auf eine Wand und malt anschließend eine Zielscheibe um die dichteste Treffergruppe. Im Nachhinein wirkt das Ergebnis präzise, tatsächlich entstand es zufällig.

Übertragen auf technische Behauptungen bedeutet das: Aus einer Vielzahl von Messwerten werden gezielt diejenigen ausgewählt, die ins gewünschte Bild passen. Abweichungen verschwinden, widersprechende Daten bleiben unberücksichtigt. Die Hypothese entsteht erst nach der Auswahl. In der wissenschaftlichen dagegen Praxis wird vorab festgelegt, welche Daten relevant sind und wie sie ausgewertet werden. Alle Ergebnisse fließen in die Bewertung ein. Beim Zielscheibenfehler entsteht die Bewertung erst nach der Selektion.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Gesunder Menschenverstand beschreibt ein Gefühl, keine Methode.
  • Ockhams Rasiermesser dient als heuristische Orientierung, nicht als Entscheidungsregel.
  • Plausible Erklärungen unterscheiden sich in der Anzahl ihrer Annahmen.#
  • Komplexe Theorien benötigen stärkere Belege.
  • Inszenierung und falsche Ausgewogenheit verzerren die Wahrnehmung von Qualität.

Diese Folge verschiebt den Blick von Antworten zu Werkzeugen. Wer nicht alles wissen kann, braucht Kriterien. Und genau daraus entsteht Orientierung.

WH12 Werkzeug

Do, 29.01.2026

Was heißt es eigentlich, „vernünftig“ zu denken? In dieser Folge geht es um Werkzeuge des Zweifelns – und um ihre Grenzen. Ausgangspunkt ist Kapitel 12 des Romans Ware Hoffnung, in dem der Begriff „Werkzeug“ wörtlich genommen wird: als methodisches Instrument, nicht als Abkürzung.

Zunächst geht es um den gesunden Menschenverstand. Er wirkt vertraut und überzeugend, ist aber kein Erkenntniskriterium. Historisch lag er oft daneben, logisch ist er zirkulär, rhetorisch beendet er Diskussionen, statt sie zu führen. Für kritisches Denken ist er deshalb ein Warnsignal, kein Argument.

Im Zentrum der Folge steht Ockhams Rasiermesser. Entgegen der populären Verkürzung ist es kein Wahrheitsprinzip, sondern eine Heuristik. Es greift nur dann, wenn mehrere Erklärungen denselben Sachverhalt gleich gut erklären. Einfachheit ersetzt keine Belege. Wer das übersieht, landet schnell bei unterkomplexen Erklärungen.

Das zeigt der reale Fall von Stanley Meyer besonders deutlich. Seine „Water Fuel Cell“ knüpft an bekannte Effekte wie Elektrolyse und Knallgas an, deutet sie aber um. Begriffe wie HHO oder Brown’s Gas erzeugen Hoffnung auf neue Physik, liefern aber keine belastbaren Messungen. Demonstrationen ersetzen keine Energiebilanz.

Eine BBC-Dokumentation macht sichtbar, wie leicht Funktion suggeriert werden kann, wenn Methodik fehlt. Den Gegenentwurf liefert die Analyse von Mark Chu-Carroll, der Ockhams Rasiermesser korrekt auf ähnliche Behauptungen anwendet.

Links:

Trickser erkennen ohne Experte zu sein – Wie Kommunikation Täuschung verrät. TL;DR zu Folge WH06 „Trickser“

Do, 18.12.2025

In der sechsten Folge von Ware Hoffnung verschiebt sich der Fokus. Es geht weniger um einzelne spektakuläre Technologien, sondern um eine grundsätzliche Frage: Wie trifft man Entscheidungen, wenn man gar nicht alles verstehen kann? Die Romanfigur Ricardo steht genau an diesem Punkt. Er arbeitet sich durch immer mehr Informationen, merkt aber, dass vollständiges Verständnis unmöglich ist. Hinter jeder Antwort warten neue Fragen. Das Problem ist nicht Unwissen – sondern Überforderung. Genau hier beginnt kritisches Denken. Nicht als vollständiges Wissen, sondern als Umgang mit Unsicherheit. Wer Entscheidungen treffen muss, braucht Werkzeuge, die auch dann funktionieren, wenn Detailwissen fehlt. Solche Werkzeuge nennt man Heuristiken: einfache Regeln, die helfen, Plausibilität einzuschätzen.

Ein Beispiel ist Ockhams Rasiermesser: Wenn eine Behauptung nur funktioniert, wenn gleichzeitig alle bisherigen Erkenntnisse falsch sind, ist sie wahrscheinlich selbst das Problem. Ein anderes Kriterium: Lässt sich eine Aussage überhaupt überprüfen? Wenn sie sich weder testen noch widerlegen lässt, gehört sie nicht in die Wissenschaft, sondern in den Bereich der Behauptungen. Die Folge zeigt, dass Täuschung selten an der Technik zu erkennen ist. Entscheidend ist die Art der Kommunikation. Das wird anhand realer Fälle deutlich.

Beim PerendevMagnetmotor standen nicht Messwerte im Mittelpunkt, sondern Videos: dunkle Räume, eingeschränkte Sicht, keine unabhängige Prüfung. Wo Daten fehlen, tritt Inszenierung an ihre Stelle.

Im Fall der GFE Energy AG war die Strategie völlig anders. Keine mystischen Versprechen, sondern bodenständige Ansprache. Nähe, Vertrauen, vermeintlich solides Ingenieurwissen. Die Täuschung wirkte gerade deshalb glaubwürdig, weil sie nicht spektakulär war.

Theranos schließlich zeigt die extremste Form. Eine perfekte Inszenierung aus Design, Sprache und Autorität. Große Namen im Hintergrund, große Visionen im Vordergrund – und kaum überprüfbare Daten.

Diese Fälle wirken unterschiedlich, folgen aber demselben Prinzip:
Nicht die Technik überzeugt – sondern die Geschichte.

Ein wichtiger Punkt der Folge ist deshalb die Rolle der Kommunikation. Trickser verraten sich oft nicht durch das, was sie behaupten, sondern durch das, was sie vermeiden: überprüfbare Daten, offene Tests, kritische Diskussion. Gleichzeitig warnt die Folge vor einem einfachen Gegenschluss. Nicht alles, was ungewöhnlich klingt, ist automatisch falsch. Es gibt reale Technologien, die zunächst unglaublich wirkten – etwa Quantencomputer oder Supraleiter. Der Unterschied liegt nicht in der Idee, sondern in der Arbeitsweise: offene Forschung, überprüfbare Ergebnisse, nachvollziehbare Grenzen.

Die zentrale Heuristik lautet daher: Nicht alles Neue ist Betrug. Aber alles, was sich systematisch der Überprüfung entzieht, ist verdächtig.

Für Ricardo bedeutet das einen Wendepunkt. Er beginnt zu verstehen, dass er nicht alles wissen muss. Aber er kann lernen, Muster zu erkennen – besonders in der Art, wie über Technik gesprochen wird.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Vollständiges Wissen ist oft unmöglich – Entscheidungen brauchen andere Werkzeuge.
  • Heuristiken helfen, Plausibilität einzuschätzen.
  • Täuschung zeigt sich häufig in der Kommunikation, nicht in der Technik.
  • Unterschiedliche Betrugsfälle nutzen unterschiedliche Inszenierungen.
  •  Der entscheidende Unterschied liegt in Überprüfbarkeit und Transparenz.

Die Folge markiert damit einen Übergang: Weg von einzelnen Geschichten hin zu den Werkzeugen, mit denen man sie verstehen kann.

Denn wer gelernt hat, auf das Wie zu achten, erkennt Täuschungen oft früher – lange bevor die Technik überhaupt eine Rolle spielt.

WH06 Trickser

Do, 18.12.2025

Kapitel 6 des Romans ist ein Übergangskapitel. Es gibt kaum äußere Handlung, dafür einen Blick in Ricardos Gedanken. Er merkt, dass reines Fachwissen nicht mehr reicht. Die Versprechen werden größer, die Themen komplexer, die Verantwortung schwerer. Er braucht ein neues Werkzeug, um Entscheidungen treffen zu können, obwohl ihm wichtige Informationen fehlen.

In dieser Folge greife ich diese Situation auf und nutze sie, um grundsätzlicher zu werden:
Warum ist der Energiesektor besonders anfällig für Trickser? Welche Rolle spielt Kommunikation bei Täuschungen? Und woran lässt sich erkennen, ob jemand ein Projekt erklärt oder eine Geschichte verkauft?

Anhand realer Fälle aus dem Energie- und Technologiebereich geht es um große Versprechen, professionelle Inszenierung und die Frage, wann aus Irrtum Täuschung wird. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Muster: Wie reden Trickser? Wo treten sie auf? Und warum wirken selbst offensichtliche Unmöglichkeiten manchmal überzeugend?

Wie sieht es im umgekehrten Fall aus, wenn eine Technologie zunächst wie ein Wunder klingt, sich dann aber doch als seriöse Wissenschaft herausstellt?

Wenn es wichtig wird, Realität und Erzählung zu unterscheiden, kommen Werkzeuge des klassischen Debunking ins Spiel. Eines davon stelle ich heute vor.

Links:

Eine Frage der Ökonomie: Ockhams Rasiermesser

Di, 22.08.2023

Vor einigen Jahren hatte ich das Vergnügen, einer Online-Diskussion über Kornkreise beizuwohnen. Einige Teilnehmer der Diskussion waren fest überzeugt, dass diese Kreise nur von Außerirdischen erzeugt werden können. Also habe ich auf das Sparsamkeitsprinzip oder Ockhams Rasiermesser hingewiesen. Schnell erklärte mir jemand, dass demnach ja die einfachste Erklärung richtig sein müsse. Und Außerirdische schienen ihm die einfachste Erklärung zu sein, denn ein so perfektes Gebilde wie ein Kornkreis ließe sich von Menschen nur mit einem enormen technischen und logistischen Aufwand innerhalb einer Nacht anfertigen.

Doch genau das ist nicht Wilhelm von Ockhams (1288–1347) Aussage. Vielmehr versuchte er darauf hinzuweisen, dass bei der Suche nach einer möglichen Erklärung für ein Phänomen möglichst wenige Zusatzbedingungen (Entitäten) eingeführt werden sollen, für die wiederum Erklärungen erforderlich sind.

Schauen wir uns das am Beispiel der Kornkreise an.

Erklärung 1: Ein paar Leute sind mit Brettern, Seilen und Pflöcken über den Acker gestampft.

Erklärung 2: Bisher unbekannte Gravitationswirbel haben das Getreide in einer bestimmten Form zu Boden gedrückt.

Erklärung 3: Intelligente Außerirdische, die in der Lage sind, überlichtschnell riesige Entfernungen zu überwinden, wollen uns eine Botschaft zukommen lassen und haben sich dafür entschieden, mit Hilfe eines unbekannten Prozesses Formen auf unsere Felder zu malen.

So aufgelistet, ist die Präferenz schon erkennbar. Selbst wenn wir argumentieren, dass einfache Werkzeuge nicht genügen, um komplexe Kornkreisformen zu erzeugen, können wir relativ einfache Zusatzbedingungen einführen, etwa die Verwendung eines GPS-Empfängers für die genaue Positionierung der Ornamente oder eines Multicopters, um das Ergebnis zu kontrollieren.

Die Gravitationsanomalie erscheint wie eine einfache Lösung, aber setzt voraus, dass solche Wirbel bereits bekannt sind und dass sie in der Lage sind, Getreide an diesem Ort und in dieser speziellen Form zu zerknicken. Da ein derartiges Phänomen bisher nicht beobachtet wurde, müssen wir dafür eine ganz neue Theorie aufstellen.

Im Falle der Außerirdischen ist die Liste der Zusatzbedingungen schier endlos.

Ockhams Rasiermesser bedeutet allerdings auch nicht, dass die Lösung mit den wenigsten Zusatzbedingungen richtig sein muss. Wir können uns jedoch eine Menge Arbeit sparen, wenn mit mit dieser Lösung anfangen und sie genauer auf Plausibiliät untersuchen. Erweist sich die Hypothese nach wissenschaftlichen Kriterien als brauchbar und belastbar, können wir alle aufwändigeren Hypothesen verwerfen.

Es geht also schlicht darum, kognitive Energie zu sparen. So macht kritisches Denken das Leben einfacher.

 

Auszug aus Ware Hoffnung, Kapitel 12 „Werkzeug“:

»Aber wie kann ich denn erkennen, ob es sich bei solchen Geschichten um eine Tatsache oder eine kreative Erzählung handelt?«, wollte Ricardo wissen.

»Du kannst es eigentlich nie völlig zweifelsfrei wissen. Das heißt aber nicht, dass alles gleichermaßen möglich und wahrscheinlich ist. Wenn du nicht vorhast, alles über das jeweilige Thema zu lernen, um dir ein solides Urteil bilden zu können – wobei du selbst dann nicht hundertprozentig sicher sein kannst – dann musst du erst einmal andere Methoden anwenden. Ockhams Razor ist für den Anfang ganz nützlich.«

»Und was kann dieses Rasiermesser alles?« hakte Ricardo nach.

»Nehmen wir einen der Fälle, die du erwähnt hast. Da behauptet jemand, aus Gravitationskraft, aus der Erdanziehung, Energie erzeugen zu können. Die Physik sagt: Das geht nicht, weil Gravitation ein konservatives Feld ist. Du kannst Energie in ein Objekt stecken, indem du es hochhebst. Wenn es dann herunterfällt, gibt es genau diese Energie wieder ab. Die Summe ist null. Jetzt kommt jemand und erzählt, er habe aber doch eine Möglichkeit gefunden und eine Maschine gebaut, die von der Schwerkraft angetrieben wird. Die hat er in seinem Keller stehen und nach uralten Plänen konstruiert, die zwar streng geheim sind, aber irgendwo im Internet auf einer bunten Seite mit vielen Rechtschreibfehlern zum Verkauf angeboten werden. Vorführen kann er die Maschine nicht, weil noch ein wichtiges Bauteil fehlt, das leider zufällig nicht lieferbar und außerdem das Quantenfeld gerade nicht in Resonanz ist. Und niemand vor ihm hat es bisher gewagt, so eine Maschine zu bauen, weil man dann sofort bedroht oder gar ermordet würde. Außerdem hätten sich Wissenschaftler an dieses Geheimnis nicht herangetraut, weil sie um ihre Reputation fürchteten.«

»Ja, so ungefähr sehen diese Geschichten aus«, bestätigte Ricardo.

»Gut«, fuhr Ragnar fort. »Jetzt stellst du einfach die Menge der notwendigen Erklärungen beider Seiten nebeneinander. Du machst eine Liste, was für und was gegen diese Behauptung spricht. Links steht: Der Typ spinnt. Rechts steht: Eine weltweite Verschwörung sorgt seit Jahrhunderten dafür, dass dieses Wissen geheim geblieben ist. Die gesamte Physik ist ein einziger Irrtum, was aber ebenfalls verschwiegen werden muss, um Aufstände zu verhindern und die Menschheit dumm zu halten. Alle Physiker, Lehrer, Konzernchefs und Regierungen sind eingeweiht, verheimlichen aber die Wahrheit. Nur die Leute von der bunten Website haben davon erfahren und verkaufen dieses Wissen nun für neunundneunzig fünfzig Vorkasse als dreiseitige PDF-Datei. Natürlich anonym, weil sie sonst ebenfalls um ihr Leben fürchten müssten.«

»Na gut, ich sehe, wo das hinführt«, nickte Ricardo. »Gesunder Menschenverstand.«

»Nein, eben nicht«, widersprach Ragnar. »Der ist ja nicht allgemeingültig, weil er bei jedem Menschen zu einem anderen Ergebnis führt, je nach Prägung, Bildung, Erwartung, Intuition und weiteren Faktoren. Was du brauchst, ist etwas, das möglichst unabhängig von der eigenen Wahrnehmung ist. Ich behaupte nicht, dass du damit zur endgültigen Wahrheit findest. Das geht überhaupt nicht. Aber so gewinnst du einen Wahrscheinlichkeitswert, von dem aus du dich weiter orientieren kannst. Heuristik ist das Stichwort. If it sounds too good to be true, it probably is, in Kurzform. Wörtlich heißt es: Von mehreren möglichen hinreichenden Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen«, erklärte Ragnar und fuhr fort:

»Ja, vielleicht gibt es diese riesige Verschwörung, wie es schon viele Verschwörungen gab. Es sieht eben nur nicht danach aus, weil die Erklärung zwingend eine große Menge gesicherten Wissens für ungültig erklären würde und unzählige Nebenbedingungen erfordert. Es ist einfach extrem unwahrscheinlich. Letztendlich ist es eine Frage der Ökonomie. Die komplizierte Variante verursacht einen enormen Aufwand, wird dich aber voraussichtlich nicht zum Ziel bringen. Deshalb musst du sie aber trotzdem nicht vollständig ablehnen. Du legst sie einfach beiseite und beschäftigst dich mit Dingen, die dir plausibler erscheinen. Ich vermute, auch dein Chef dürfte das zu schätzen wissen.«

»Oh ja, tut er«, grinste Ricardo. »Sehr sogar.«

 

Links:

Wikipedia: Ockhams Rasiermesser

Psiram: Kornkreis

GWUP-Blog: Kornkreise und Paranormales: Ist die GWUP gegen alles?